PRODUKT: Reichl und Partner ist die zweitälteste Werbeagentur in Österreich und gleichzeitig besonders innovativ – welche Projekte treiben Sie gerade voran, welche Themen entwickeln Sie aktuell besonders weiter?
Reichl: Wir kommen aus 38 Jahren Kommunikation – und genau daraus entsteht unser Anspruch: nicht stehen bleiben. Aktuell treiben uns vor allem drei Themen. Erstens: der sinnvolle Einsatz von KI, Aigentic AI und allgemein die Digitalisierung in der gesamten Wertschöpfungskette – von Strategie bis Produktion. Zweitens: die Weiterentwicklung unserer Rolle als echter Sparringpartner, nicht nur als Umsetzer. Und drittens: People & Culture, weil gute Ideen immer von Menschen kommen.
Parallel arbeiten wir stark an modularen, effizienteren Leistungsmodellen – weil viele Kund:innen heute andere Budgets und Entscheidungszyklen haben als noch vor ein paar Jahren.
PRODUKT: Unser Heftthema lautet: „Werbung – Marken fallen auf“. Wie fällt man als Marke heute wirklich auf?
Reichl: Nicht durch Lautstärke, sondern durch Relevanz. Früher hat man Aufmerksamkeit oft „eingekauft“. Heute konkurriert man mit einem permanenten Strom an Content. Auffallen bedeutet deshalb nicht mehr, mehr zu schreien – sondern etwas zu sagen, das hängen bleibt. Eine starke Idee ist wie ein Filter: Sie reduziert Komplexität und bringt eine Botschaft auf den Punkt. Wenn sie emotional berührt, kulturell anschlussfähig ist und strategisch sauber gedacht wurde, fällt sie automatisch auf. Alles andere ist kurzfristiger Lärm.
PRODUKT: Wie sah optimales Marketing bisher aus & was verändert sich aus Ihrer Sicht gerade drastisch? Insbesondere aufgrund von KI?
Reichl: Früher konnte man Marketing stärker in Disziplinen denken: Kreation, Media, Performance. Heute muss alles gleichzeitig funktionieren. KI beschleunigt diesen Wandel massiv. Sie macht Umsetzung schneller, Variantenvielfalt größer und Daten zugänglicher. Das führt dazu, dass Mittelmaß schneller sichtbar wird – weil plötzlich alle ähnliche Tools nutzen. Der Unterschied entsteht nicht mehr durch Zugang zu Technologie, sondern durch die Qualität der Idee und die Klarheit der Strategie.
PRODUKT: KI in der Praxis – was müssen Marketing-Verantwortliche jetzt können/wissen?
Reichl: Am Ende geht es gar nicht so sehr um die Tools – sondern um die Qualität des Denkens dahinter. Wer heute mit KI arbeitet, braucht vor allem die Fähigkeit, Dinge einzuordnen. Nur weil etwas gut aussieht oder sich gut anhört, heißt das noch lange nicht, dass es richtig oder relevant ist. Gleichzeitig wird strategische Klarheit noch wichtiger. Wenn ich nicht weiß, wohin ich will, liefert mir KI zwar Output – aber keinen echten Mehrwert. Und ein dritter Punkt, der oft unterschätzt wird: Kontext. Marke, Zielgruppe, Timing, kulturelles Gespür – all das kann man nicht einfach auslagern. KI ist ein extrem starker Hebel. Aber sie verstärkt nur das, was man ihr vorgibt. Und genau deshalb wird die Qualität der Ausgangsidee entscheidend.
PRODUKT: Sie sagen, KI verstärkt nur das, was man vorgibt – was kann KI uns definitiv nicht abnehmen?
Reichl: KI ist ein Beschleuniger und ein Sparringpartner – kein Ersatz für Denken. Sie hilft uns enorm bei Analyse, Variantenentwicklung, Visualisierung und Produktion. Dinge, die früher Tage gedauert haben, gehen heute in Stunden. Was sie nicht kann, ist Haltung entwickeln, echte Empathie zeigen oder Verantwortung übernehmen. Und genau dort entsteht Differenzierung. Ideen entstehen nach wie vor im Kopf – KI hilft uns nur, sie schneller und besser umzusetzen.
PRODUKT: KI ermöglicht es also schneller und auch mit geringeren Budgets Ideen umzusetzen – aber Sie meinen auch, dass kreatives Mittelmaß jetzt schneller sichtbar wird – warum?
Reichl: Weil Mittelmaß jetzt skalierbar geworden ist. Wenn jeder mit denselben Tools „ganz gute“ Inhalte produzieren kann, wird „ganz gut“ unsichtbar. Austauschbar war Mittelmaß schon immer – jetzt fällt es nur schneller auf. Das sehen wir im Übrigen auch so im Bereich Mediaplanung. Daten kann KI hervorragend analysieren. Aber Entscheidungen brauchen Kontext. Wann ist der richtige Moment? Wie verhält sich eine Marke im Wettbewerb? Welche Wirkung will ich wirklich erzielen? Das ist keine reine Rechenaufgabe – das ist Erfahrung, Intuition und strategisches Denken.
PRODUKT: Wie sehen Sie die Zukunft von klassischen Medien und klassischen Werbeformen im Kontext von KI, Digitalisierung, Social Media?
Reichl: Ich glaube, ihr Wert steigt eher, als dass er sinkt. Gerade weil Content inflationär wird, gewinnen kuratierte, glaubwürdige Umfelder an Bedeutung. Qualität wird zur knappen Ressource.
Die Frage ist nicht „klassisch oder digital“, sondern: In welchem Umfeld wirkt meine Botschaft am besten? Eine starke Idee funktioniert auf einem Plakat genauso wie auf TikTok – wenn sie gut ist. Kanäle verändern sich. Wirkungsgesetze nicht.
PRODUKT: Die Schlussfrage: Wie viel KI haben Sie für die Beantwortung der Fragen eingesetzt & wie haben Sie sie benutzt?
Reichl: Für die Gedanken: 0%. Für Formulierung und Feinschliff: 100% – ich bin froh, dass es nun ein gutes Lektorat auf Knopfdruck gibt. Genau deshalb schätze ich Tools wie KI extrem: als Sparringpartner, der hilft, Gedanken klarer zu formulieren, schneller auf den Punkt zu kommen und Dinge sauber zu strukturieren. Die eigentliche Arbeit – also was man denkt, wofür man steht und was man sagen will – kann dir aber niemand abnehmen. Oder ganz einfach: Wenn nichts dahinter ist, bringt dir auch die beste KI nichts. Wenn etwas dahinter ist, ist sie ein ziemlich gutes Werkzeug, um es auf den Punkt zu bringen.
PRODUKT: Vielen Dank für Ihre Ausführungen! In 20 Jahren bei PRODUKT habe ich sehr selten so schnell Antworten auf meine Fragen erhalten…
Reichl: Perfekt – und ja, Schnelligkeit ist definitiv ein Vorteil!
Zur Agentur REICHLUNDPARTNER
REICHLUNDPARTNER besteht aus einem interdisziplinären Team von Spezialist:innen und Generalist:innen aus allen Bereichen der Marketing-Kommunikation. Das Leistungsspektrum reicht von Markenpositionierung sowie Konzeption ganzheitlicher Werbekampagnen über Kreation und markenbildendes Design bis hin zur Begleitung von Unternehmen durch das Zeitalter der digitalen Transformation. Matthias Reichl, GF: „Die Agentur ist groß genug für komplexe Aufgaben und klein genug für die persönliche Betreuung der Kund:innen.“