Wenn alles so weiterliefe wie in der Vergangenheit, sähe es schlecht aus für die Schokolade von morgen. Kakao ist ein Paradebeispiel für die Verstrickung ökologischer, ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeits-Faktoren, die geradezu einen Teufelskreis ergeben. Beginnen wir vor Ort direkt in den Plantagen. Hartwig Kirner, Geschäftsführer Fairtrade Österreich: „Viele Kakaobäume sind überaltert, Pflanzenkrankheiten und Klimastress nehmen zu.“ Dies mindert den Ertrag für die Kakaobauernfamilien, die wirtschaftlich bekanntlich ja ohnehin nicht gut dastehen, aber zugleich dringend Geld in die Hand nehmen sollten, um ihr Einkommen zu sichern. Karin Steinhart, Pressesprecherin Manner, erläutert warum: „Investitionen in verjüngtes, widerstandsfähigeres Pflanzmaterial und in agroforstwirtschaftliche Systeme sind entscheidend, um Erträge zu stabilisieren und Biodiversität zu fördern.“ Jedoch, Hartwig Kirner, Fairtrade: „Wer nicht kostendeckend wirtschaften kann, investiert nicht – auch wenn es dringend notwendig ist.“ Und die nächste Generation für den Kakaoanbau zu begeistern, wird unter diesen Umständen auch nicht gerade einfacher.
TO DO. Um das Problem wortwörtlich direkt an der Wurzel anzupacken, muss die Situation also in den Herkunftsländern verbessert werden. Doch inwieweit sind hier die Schokoladenerzeuger in der Pflicht? Hartwig Kirner, Fairtrade: „Handelsunternehmen und Hersteller haben erheblichen Einfluss, vor allem über ihre Einkaufspolitik. Was wir immer wieder sehen: Wichtig sind langfristige Partnerschaften und berechenbare bäuerliche Einkommen.“ Bei Manner, übrigens größter Kakaopartner von Fairtrade Österreich, sieht man das ähnlich. Pressesprecherin Karin Steinhart: „Süßwarenproduzenten können wichtige Impulse setzen, etwa durch langfristige Partnerschaften, transparente Lieferketten oder Investitionen in Projekte vor Ort.“ Alle relevanten Hersteller engagieren sich mittlerweile entsprechend – teils wurden eigene Programme ins Leben gerufen, teils setzt man auf unabhängige Siegel. Die Ziele sind aber überall quasi deckungsgleich. Von Lindt hört man etwa über das hauseigene Lindt & Sprüngli Farming Program, das auf der Rainforest-Alliance-Zertifizierung basiert und durch gezielte Maßnahmen ergänzt wird: „Das Programm zielt darauf ab, die Produktivität der Farmen zu erhöhen, die Biodiversität sowie natürliche Ökosysteme zu erhalten, Zugang zu Infrastruktur, Setzlingen und Betriebsmitteln zu ermöglichen sowie durch Investitionen in Gemeinden (z.B. Schulen, Wasserzugang) die Lebensbedingungen zu verbessern.“ Bei Ritter Sport setzt man wiederum zu 100% auf Kakao aus zertifizierten Quellen des Rainforest Alliance und Fairtrade Cocoa Programs sowie außerdem auf das eigene Programm „Cacao-Nica“ für die Optimierung der Situation in Nicaragua. „Ein zentraler Bestandteil des Programms ist es, den Anbau resilienter zu machen, um die langfristige Verfügbarkeit qualitativ hochwertiger Rohstoffe sicherzustellen“, so Geschäftsführer Wolfgang Stöhr. Nestlé engagiert sich mit dem „Income Accelerator Program“, das auf finanziellen Anreizen und Unterstützung dabei beruht, Veränderungen im Haushalt und auf dem Betrieb umzusetzen. Ziel ist eine Win-win-Situation. Sarah Huber, Market Head Nestlé Österreich: „Indem wir die Bauern unterstützen, sichern wir die zukünftige Versorgung mit hochwertigem Kakao, auf den unsere Marken angewiesen sind.“ Auch der Kampf gegen Kinderarbeit und Entwaldung gehört für die Hersteller mittlerweile zum guten Ton.
AUSREICHEND? Selbstverständlich ist jedes Engagement in die richtige Richtung zu begrüßen – mancherorts wünscht man sich aber umfassendere Lösungen. „Die strukturellen Herausforderungen lassen sich nicht von einzelnen Marktteilnehmern allein lösen“, hält Karin Steinhart, Manner, fest. „Gefragt ist ein koordiniertes Zusammenspiel von Regierungen der Anbauländer, Importländern, NGOs, Zertifizierungsorganisationen und Unternehmen.“ Eske Tammen, Brand Lead bei Tony’s Chocolonely: „Schokoladenhersteller haben einen großen Hebel – aber systemischer Wandel in der Kakaoindustrie gelingt nicht im Alleingang. Um Ausbeutung im Kakaoanbau wirklich zu beenden, muss die gesamte Branche sich dazu verpflichten, Farmer:innen langfristig einen höheren Preis zu zahlen – nicht nur in einzelnen Projekten oder durch vorgeschobene Siegel, sondern als neuer Standard.“ 2019 hat das Unternehmen deshalb seine Lieferkette über die globale Beschaffungsinitiative Tony’s Open Chain geöffnet und das Sourcing-Modell bewusst für andere Unternehmen zugänglich gemacht. Derzeit nutzen rund 20 Firmen diese Möglichkeit.
REAKTIONEN. Während die Hersteller für mehr Nachhaltigkeit eintreten und so auch das Business von morgen sichern, sind es auf Konsument:innenseite wohl vor allem der Preis sowie zum Teil kleinere Packungsformate, an denen bemerkt wird, dass nicht alles eitel Wonne ist. Der Kakaopreis erreichte ja vergangenes Jahr neue Rekordhöhen, bevor er sich in den letzten Monaten wieder etwas nach unten bewegte. Doch was sind eigentlich die Ursachen für diese Volatilität? „Veränderte klimatische Bedingungen und die Auswirkungen auf die Ernte, politisch sensible Regionen und nicht zuletzt Rohstoff-Spekulationen“, erläutert Manner-Pressesprecherin Karin Steinhart. Sarah Huber von Nestlé schließt hier an: „Die jüngsten Preisspitzen waren vor allem auf ausgeprägte Ernteausfälle durch ungünstige klimatische Bedingungen zurückzuführen, kombiniert mit strukturell alternden Plantagen und teilweise unzureichenden Investitionen in die Farmmodernisierung“, um auf das eingangs erläuterte Problem zurückzukommen. Ritter Sport GF Wolfgang Stöhr erklärt weiter: „Mehrere Jahre mit Wetterextremen und Pflanzenkrankheiten in den Anbaugebieten sind natürlich nicht ohne Folgen geblieben und beeinflussen nach wie vor die Verfügbarkeit von Kakao.“ Gelangt die Branche mit den jüngsten „Entspannungen“ am Weltmarkt aber wieder in ruhigeres Fahrwasser? „Obwohl sich die Lage auf den Rohstoffmärkten in letzter Zeit etwas entspannt hat, liegen die Kakaopreise weiterhin deutlich über dem langfristigen Durchschnitt“, erfährt man von Lindt. Hartwig Kirner, GF Fairtrade, erklärt: „Kurzfristig könnten die Rohstoffpreise niedrig bleiben, sofern sich die Ernteaussichten bestätigen. Mittel- bis langfristig ist jedoch davon auszugehen, dass die Preise stark schwanken werden – allein wegen der schon erwähnten Klima- und Investitionsrisiken.“ In dieselbe Kerbe schlägt Sarah Huber, Nestlé: „Kurzfristige Entspannung bedeutet nicht zwingend, dass die strukturellen Probleme gelöst sind.“ Wichtig fürs Verständnis: Der Regalpreis für Schokolade kann nicht direkt die Situation am Weltmarkt abbilden. Sarah Huber, Nestlé: „Große Hersteller sind gezwungen, Rohstoffe längerfristig einzukaufen, um die Warenverfügbarkeit sicherstellen zu können. Auf kurzfristige Schwankungen kann somit in der Regel nicht reagiert werden.“ Auch Karin Steinhart von Manner begründet, warum hier keine Spontanität möglich ist: „Als Hersteller profitieren wir nicht automatisch von kurzfristigen Preisrückgängen. Wir arbeiten mit einem Mix aus langfristigen Deckungen – um Versorgungssicherheit zu garantieren – und kurzfristigen Kontrakten. Daraus ergibt sich eine Mischkalkulation, die sich deutlich vom aktuellen Börsenpreis unterscheiden kann.“ Mittel- bis langfristig geht man in der Branche jedenfalls davon aus, dass das Preisniveau im höheren Bereich bleiben dürfte. Bei Tony’s Chocolonely sieht man in der aktuellen Situation aber auch eine Chance: „Nach einer außergewöhnlich schwierigen Saison mit stark schwankenden Mengen und Preisen zahlen viele Unternehmen ohnehin mehr für ihren Kakao. Entscheidend ist, dass daraus ein langfristiges Commitment wird“, so Eske Tammen.
NACHFRAGE. Inwieweit lassen sich hier aber auch die Konsument:innen an Bord holen? Die unausweichlichen Erhöhungen am Preisschild hatten jedenfalls Auswirkungen. Karin Steinhart, Manner: „Wir beobachten eine stärkere Nachfrage nach Promotions, kleineren Packungsgrößen sowie ein wachsendes Bewusstsein für Qualität, Herkunft und Nachhaltigkeit.“ Im Wert hat der Markt klarerweise zuletzt ordentlich zugelegt. Eske Tammen, Tony’s Chocolonely: „Der Umsatz für Schokoladensüßwaren in Österreich steigt deutlich (zweistellig), auch wenn die verkaufte Menge nicht im gleichen Maß wächst.“ (Euromonitor 2025). Bei Tony’s sieht man hier allerdings die Weichenstellung für die Zukunft. Tammen: „Premiumisierung verschiebt sich zu ‚Legitimation‘. Wenn Schokolade teurer wird, braucht es für viele Konsument:innen genau jetzt eine klare Begründung, warum sie zugreifen – und die besteht nicht nur aus Geschmack und Qualität, sondern zunehmend auch aus Werten.“
ZUSAMMEN. Es bedarf jedenfalls weiterhin eines starken Engagements aller Stakeholder, um nachhaltigen Kakaoanbau zu ermöglichen. Hartwig Kirner, Fairtrade: „Es braucht klare politische Rahmenbedingungen in den Ursprungsländern ebenso wie in Europa. Regierungen, Unternehmen, Finanzsektor und Zivilgesellschaft müssen zusammenarbeiten. Nachhaltiger Kakao ist eine Gemeinschaftsaufgabe.“