Guter (Kunst-)Stoff

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Bei unserem „Heftthema „Ernte-Dank – wertvoller Kreislauf“ geht es keineswegs nur um Obst, Gemüse und Getreide. Breiter gedacht hat uns dieser Heft-Schwerpunkt inspiriert, diesmal das Thema Kunststoffe hinsichtlich ihres Recyclings und auch biobasierten Varianten aufzugreifen.

Kategorie: Sonstiges

Plastik muss nicht zwangsläufig aus Erdöl erzeugt werden. Bei der Herstellung kann man prinzipiell nämlich auch auf nachwachsende Rohstoffe zurückgreifen (=biobasiert), weshalb diese Story durchaus zum Stichwort „Ernte-Dank“ passt. Außerdem kann auch Recyclingmaterial als Basis dienen, weshalb eine Kunststoff-Story, wenn es um „wertvolle Kreisläufe“ geht, so wie in dieser Ausgabe, gleich eine doppelte Berechtigung hat. Doch beginnen wir mit einer Begriffsklärung jenes Wortschatzes, den wir auf den folgenden Seiten vielfach verwenden werden – und einem weit verbreiteten Irrtum: Biobasiert bedeutet nicht dasselbe wie biologisch abbaubar (siehe dazu Infobox). Mari Pau Balaguer, VP Head of Product Management Film & Paper Category bei Constantia Flexibles: „Biobasierte Kunststoffe werden ganz oder teilweise aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt, etwa aus Mais, Zuckerrohr, Zellulose, Pflanzenölen oder landwirtschaftlichen Reststoffen. Anders als herkömmliche Kunststoffe basieren sie nicht auf fossilen Rohstoffen wie Erdöl.“ Doch in der Kompostierung können diese nicht zwangsläufig landen. Ihr größter Vorteil liegt anderswo, wie Karl Hagspiel, Senior Circular Economy Experte bei Alpla, ausführt: „Biobasierte Kunststoffe können dazu beitragen, die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu reduzieren und den Einsatz erneuerbarer Ressourcen zu fördern. Viele biobasierte Kunststoffe besitzen dieselben Eigenschaften wie herkömmliche Kunststoffe und können in bestehenden Verpackungsanwendungen eingesetzt werden.“

WARUM NICHT? Weshalb ist biobasiertes Plastik dann aber noch nicht weiter verbreitet? Thomas Glatz, Managing Director Interzero Circular Solutions Europa GmbH: „Derzeit sind die Materialpreise für alle biobasierten und vor allem für die kompostierbaren Kunststoffe deutlich höher als für erdölbasierte, nicht bioabbaubare Kunststoffe – dies beschränkt weiterhin die Einsatzmengen.“ Karl Hagspiel von Alpla ergänzt: „Nachteile biobasierter Kunststoffe sind derzeit vor allem höhere Kosten, begrenzte Verfügbarkeit und teilweise noch fehlende Recycling- und Verwertungslösungen.“ Ob (Bio-)Kunststoff kreislaufwirtschaftstauglich ist, hängt v.a. vom konkreten Material ab. So können zwar Bio-PET oder Bio-PP ins bestehende Recycling einfließen, jedoch, so Florian Aschermayer, Senior Expert Sustainable Material Excellence, Greiner Packaging: „Werden Materialien wie PEF, PA oder PHB eingesetzt, sind derzeit keine etablierten Recyclingströme vorhanden. Wenn diese Materialien im herkömmlichen gelben Sack entsorgt werden, werden sie aussortiert und verbrannt.“ Biobasierte Materialien werden bei Greiner aktuell noch in sehr geringen Mengen eingesetzt, auch da die Nachfrage danach aufgrund des hohen Preises sehr gering ist. Mari Pau Balaguer, Constantia Flexibles, weist außerdem auf eine weitere Problematik hin: „Bei einigen Rohstoffen der ersten Generation wird zudem diskutiert, inwieweit ihr Anbau mit Flächen konkurriert, die für die Lebensmittelproduktion genutzt werden.“ Im Moment ist biobasierter Kunststoff also vor allem als Ergänzung bestehender Materiallösungen im Einsatz. „Am weitesten verbreitet sind sogenannte ‚Drop-in-Lösungen‘, so Balaguer. „Dabei handelt es sich um bekannte Kunststoffe wie PET, PP oder PE, die statt aus Erdöl aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Sie werden entsprechend als Bio-PET, Bio-PP oder Bio-PE bezeichnet. Da ihre chemischen Eigenschaften weitgehend denen konventioneller Kunststoffe entsprechen, können sie in bestehenden Anwendungen und Recyclingsystemen genutzt werden. Verwendung finden diese Materialien v.a. in Getränkeflaschen, Lebensmittelverpackungen sowie Verpackungen für Kosmetik- und Körperpflegeprodukte.“ In Zukunft dürfte biobasierte Kunststoffe aber öfter zum Einsatz kommen, auch aufgrund der, so Thomas Glatz, Interzero, „mittelfristigen Perspektive der Erzeugung einer Reihe von Kunststoffen aus Abfallprodukten anderer Prozesse, wie z.B. der Fruchtsaftherstellung oder Kartoffelverarbeitung – und zukünftig auch aus CO2.“

WIEDERVERWERTUNG. Als wichtigere Stellschraube in Richtung Nachhaltigkeit – hier ist sich die Branche einig – sieht man jedoch die Verwendung von Recyclingmaterial. Karl Hagspiel, Alpla: „Biobasierte Kunststoffe sollten v.a. fossile Neuware ersetzen und nicht mit Recyclingmaterialien konkurrieren. Denn aus heutiger Sicht ist Recycling der wichtigste Hebel für nachhaltigere Kunststoffverpackungen. Recycling hält wertvolle Rohstoffe im Kreislauf, reduziert den Bedarf an Primärmaterial und ermöglicht erhebliche CO2-Einsparungen.“ Bei Constantia Flexibles sieht man diese Thematik folgendermaßen: „Die Frage ‚Recycling-Material oder nachwachsende Rohstoffe‘ sollte nicht als Entweder-Oder betrachtet werden. Langfristig wird ein nachhaltigeres Verpackungssystem sowohl leistungsfähige Recyclingstrukturen als auch den Einsatz erneuerbarer Rohstoffe benötigen“, so Mari Pau Balaguer.

STATUSBERICHT. Apropos Recyclingstrukturen – wie ist Österreich denn diesbzgl. im Bereich Kunststoff aufgestellt? Karl Hagspiel, Alpla: „Österreich verfügt über gut entwickelte Sammel- und Recyclingstrukturen, insbesondere bei PET-Verpackungen. Mit dem Pfandsystem entstehen zusätzliche Möglichkeiten für hochwertige Bottle-to-Bottle-Kreislaufe.“ So sieht das auch Thomas Glatz, Interzero: „In Österreich wurden die Rahmenbedingungen für das Recycling von Kunststoffverpackungen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert.“ Ähnlich urteilt Florian Aschermayer, Greiner Packaging: „Vor allem im Bereich von PET-Flaschen funktionieren Sammlung, Sortierung und Recycling bereits gut. Wir sehen bereits große Investitionen in neue Sortieranlagen und Technologien, insbesondere im Bereich der KI-gestützten Sortierung, was eine gute Sammel- und Recyclinginfrastruktur fördert.“ Aber natürlich gibt es noch Luft nach oben. So meint etwa Mari Pau Balaguer, Constantia Flexibles: „Im Bereich der Kunststoffverwertung könnte eine noch präzisere Sortierung dazu beitragen, unterschiedliche Verpackungsarten besser voneinander zu trennen. Dazu gehört auch eine effektivere Trennung von Verpackungen mit und ohne Lebensmittelkontakt.“ Weiteres Verbesserungspotential sieht sie im Konzept Design-for-Recycling: „Verpackungen aus mehreren Materialien erfüllen oft wichtige Anforderungen an Produktschutz und Haltbarkeit, sind aber häufig schwieriger und aufwendiger zu recyclen. Deshalb gewinnt die Entwicklung von für das Recycling konzipierten Verpackungen zunehmend an Bedeutung.“ Bei Alpla hat man folgende Anregungen für die Zukunft: „Optimierungsbedarf sehen wir v.a. bei der Erhöhung der Sammelquoten, der Verbesserung der Sortierung sowie beim Ausbau hochwertiger Recyclingkapazitäten für weitere Kunststoffarten. Darüber hinaus sind Design-for-Recycling und eine stärkere Harmonisierung europäischer Vorgaben wichtige Voraussetzungen für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft. Aus unserer Sicht braucht es zudem verlässliche politische Rahmenbedingungen. Neben fairen Wettbewerbsbedingungen gegenüber günstigen Importen ist vor allem eine konsequente Ökomodulation wichtig, die recyclingfähige Verpackungen materialneutral betrachtet und den Einsatz von Rezyklaten gezielt belohnt“, so Karl Hagspiel. Damit Recycling optimal funktioniert sieht auch Thomas Glatz, Interzero, einen großen Hebel direkt in der Verpackungsgestaltung: „Für funktionierende Kreisläufe müssen Verpackungen so gestaltet sein, dass sie in der vorhandenen Infrastruktur zuverlässig erkannt, sortiert und anschließend hochwertig recycelt werden können. Hier besteht insbesondere bei komplexen Materialkombinationen weiterhin Optimierungspotential.“

AUSBLICK. Zu rechnen ist jedenfalls damit, dass sowohl die verwendeten Anteile an Recycling-Kunststoff, aber auch der Einsatz von biobasiertem Plastik weiter steigen werden, gepusht auch durch die PPWR. Florian Aschermayer, Greiner Packaging: „Artikel 8 der PPWR behandelt biobasierte Rohstoffe in Kunststoffverpackungen und verpflichtet die EU-Kommission, bis Februar 2028 die Nachhaltigkeits- und Umweltvorteile solcher Materialien zu bewerten sowie ggf. weitere Anforderungen oder Ziele vorzuschlagen. Aktuell legt der Artikel aber noch keine verbindlichen Mindestquoten oder Einsatzpflichten für biobasierte Kunststoffe fest, sondern schafft zunächst den Rahmen für eine zukünftige Regulierung.“ Bzgl. dem Einsatz von PCR (Post Consumer Rezyklat, also Material aus Kunststoffabfällen nach der Nutzung des Produkts) hingegen gibt es bekanntlich je nach Material und Produktart unterschiedlich hohe Quoten, die mit der Zeit weiter steigen.

QUAL DER WAHL. Und wie trifft man nun die Entscheidung für das Verpackungsmaterial für ein konkretes Produkt? Karl Hagspiel, Alpla: „Die Wahl des geeigneten Verpackungsmaterials sollte immer auf einer Gesamtbewertung beruhen. Entscheidend sind Produktschutz, Recyclingfähigkeit, CO2-Fußabdruck, regulatorische Anforderungen, Materialverfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit. Die nachhaltigste Lösung kann je nach Produkt und Anwendung unterschiedlich aussehen.“ Wichtig ist jedenfalls ein ganzheitlicher Ansatz. Mari Pau Balaguer, Constantia Flexibles: „Entscheidend ist nicht allein, woraus eine Verpackung hergestellt wird, sondern wie effizient sie über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg genutzt, gesammelt und verwertet werden kann.“


Begriffsklärung Kunststoffe

Biobasiert = aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt

Biologisch abbaubar = kann von Mikroorganismen in natürliche Stoffe zerlegt werden

Biobasierte Kunststoffe können, müssen aber nicht biologisch abbaubar sein. Biobasiertes, biologisch abbaubares Material kommt v.a. dort zum Einsatz, wo eine industrielle Kompostierung vorgesehen ist, z.B. im Bereich Kaffeekapseln.