Haltung, bitte!

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Das Frischfleisch-Angebot im LEH ist diversifiziert, es bietet für alle Geldbörsen, aber auch für alle moralischen, ethischen und gesundheitlichen Bedürfnisse Angebote. Finden muss man sie aber erst, und dann, mit Blick auf den Preis, eine Entscheidung treffen.

Kategorie: Food

Nicht nur für Menschen mit einem zwanghaften Ordnungsbedürfnis wird die unübersichtliche Vielfalt an unterschiedlichen Labels und Programmen im Frischfleisch-Sortiment des Handels langsam enervierend, auch für Durchschnittsbürger, die ihren Einkauf rasch erledigen möchten – und zwar ohne dabei über die Glaubwürdigkeit einzelner Auslobungen nachdenken zu müssen – wird es zunehmend mühsamer. Angesichts der vielen Diskussionen rund um tierische Produkte wächst natürlich das Bedürfnis der Verbraucher:innen nach Lebensmitteln, die – sagen wir es mal so – möglichst wenig Schaden anrichten. Alle aktuellen Befragungen zeigen es jedenfalls: Tierwohl, Nachhaltigkeit und Bio sind den Konsument:innen wichtig. Dass die Kauf-entscheidung dennoch oft anders ausfällt, ist eine andere Sache. Aber man kann stehen lassen: Es ist den Verbraucher:innen bewusst, dass bestimmte Aspekte gut und gesellschaftlich erstrebenswert sind. Der Ruf nach mehr Transparenz und einheitlichen Kriterien in Sachen Herkunft und Haltung wird daher immer lauter, Stichwort Haltungsformkennzeichnung.

AM PROGRAMM. Im Regierungsprogramm ist die Umsetzung der Haltungsformkennzeichnung zwar längst verankert, derzeit laufen die Gespräche allerdings ohne die gewählten Vertreter:innen. Stattdessen wird eine fachliche Diskussion mit allen Stakeholdern entlang der Wertschöpfungskette geführt. Johanna Prodinger, GF Nachhaltige Tierhaltung Österreich: „Wir schauen uns seit 2024 an, wie eine Haltungsformkennzeichnung entlang der gesamten Wertschöpfungskette umsetzbar wäre. Ziel dabei ist es ‚Haltung‘ und ‚Herkunft‘ zu kombinieren und keine Parallelsysteme zu etablieren. Und: Das System muss einfach in der Umsetzung sein und soll in weiterer Folge auch Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung miteinschließen können.“ 

BRANCHENLÖSUNG. Mit an Bord sind die unterschiedlichsten Interessensvertretungen, wie etwa die Arbeitsgemeinschaft Rind oder die Schweinehaltung Österreich, aber auch der Handelsverband und NGOs sitzen am Besprechungstisch. Damit kommen natürlich einige Interessen zusammen, die unter einen Hut gebracht werden müssen. Prodinger stellt daher klar, wo der Fokus liegen soll: „Das System soll Transparenz schaffen und es soll ermöglichen, dass sich der Markt dahin entwickelt, dass Wunsch und Wirklichkeit (Anm: von Konsument:innen und der Landwirtschaft) zusammengehen. Es soll keine Zusatzkosten für die Bäuer:innen verursachen, denn die sind mit den bestehenden Auflagen und nötigen Investitionen bereits ausreichend belastet.“ Damit ergibt sich auch, dass das AMA-Gütesiegel oder andere etablierte Qualitätsprogramme und Kennzeichnungssysteme – auch solche aus anderen Ländern – klar einordenbar sein sollen. Im Kern geht es also darum, die vielen am Markt befindlichen Programme einheitlich zu klassifizieren und so dem Thema „Mehr Tierwohl“ auch bessere Erfolgsaussichten am Markt zu verschaffen. Johann Schlederer, GF des VLV und der Österreichischen Schweinebörse, formuliert das folgendermaßen: „Sowohl auf landwirtschaftlicher als auch Konsument:innenseite hat sich gezeigt, dass zwischen der gesetzlichen Haltungsform und der Bio-Haltung eine große Bandbreite an Möglichkeiten besteht, die noch nicht offiziell definiert ist. Da Tierwohlkriterien in den Schweinehaltungsbetrieben Kosten verursachen, ist es nur fair, auch einen gerechten Preis für die Mehrleistung zu zahlen. Und wenn es Verbraucher:innen gibt, die sich mehr Tierwohl wünschen und auch bereit sind, dafür Geld auszugeben, dann muss es ein System geben, bei dem diese gleichen Interessenslagen zueinander geführt werden können.“ Klingt kompliziert? Ist es im Detail auch. Aber die Branche steht motiviert dahinter, nicht nur, weil die Bäuer:innen dringend Planungssicherheit für ihre Investitionen brauchen, sondern auch, weil der Markt für z.B. Tierwohl-Schweinefleisch Potential hat. Schlederer: „Ein von uns schon vor fünf Jahren präsentierter Masterplan sieht ein Potential von 20%, also bis zu einer Million Schweinen pro Jahr, als möglich. Aktuell ist der Marktanteil der Stufen TW60 und TW100 sowie Bio bestenfalls bei 10% der heimischen Produktion.“ Eine transparente Auslobung könnte hier zusätzlich für Schwung im Absatz sorgen.

PRAXIS. Die Haltungsformkennzeichnung wird alle Nutztiergruppen umfassen, nicht nur den wichtigen Bereich Schweine sowie Rinder, Geflügel etc. Und auch in diesen Bereichen schätzt man die Marktchancen als sehr gut ein, schließlich hat man bereits entsprechende Erfahrungen mit höheren Tierwohl- oder Bio-Standards gemacht. Michael Wurzer, GF der Geflügelwirtschaft Österreich, erzählt: „Für die Geflügelmast lässt sich z.B. sagen, dass wir mit der Einführung der langsamer wachsenden, vitaleren Masthühner inzwischen sehr erfolgreich sind. Der Marktanteil für diese Produkte, die in den Tierwohlprogrammen des Handels angeboten werden, liegt bereits bei 10 bis 12% der Gesamtproduktion.“ Eine klare Richtung sieht man auch im Investitionsverhalten. Wurzer: „Es werden so gut wie nur mehr Tierwohlstallungen gebaut. Diese verfügen über einen freien Auslauf in die Wintergärten sowie über erhöhte Ebenen zur tiergerechten Strukturierung des Stallinnenraumes und über Spielmaterialien.“

MIT GARTEN. Positiv gestimmt ist man auch beim Geflügelmastbetrieb Wech, wo man als Pionier bereits vor Jahren in das Thema investiert hat. Karl Feichtinger, GF Wech, berichtet: „Bei Wech haben wir aktuell drei verschiedene Haltungsformen: AMA-Gütesiegelhaltung im Stall, Haltung mit mehr Tierwohl vitaler Linien mit Wintergarten und Bio-Geflügelhaltung. Tierwohl und Bio machen ca. ein Drittel der Produktion aus und wachsen – bei insgesamt guter Nachfrage – konstant.“ Eine übersichtliche Auslobung der unterschiedlichen Haltungsformen begrüßt Feichtinger: „Eine ganzheitliche Kennzeichnung würde einen besseren Überblick liefern und Zuwächse bei Bio und Tierwohl zusätzlich fördern.“ Eine enge Akkordierung mit dem Handel sei aber Voraussetzung, wenn man als Betrieb umstellt. Feichtinger: „Für die erfolgreiche Umsetzung neuer Produktionslinien braucht es den Handel als Vermarktungspartner, der hinter der Sache steht. Gewisse Garantien wie Abnahmemengen oder -Zeitraum sind von großer Bedeutung, da Investitionen sonst nicht verantwortbar sind.“

DIE KIRCHE IM DORF. Bei aller Zustimmung und Euphorie für Tierwohl und Bio muss man aber auch realistisch bleiben. Der Markt für Fleischprodukte ist divers und der Wunsch nach hohen Standards wächst, jedoch wird das Gros der Tiere auch weiterhin nach dem konventionellen gesetzlichen österreichischen Regelwerk gehalten werden (das sich ja auch laufend weiterentwickelt). Denn einerseits gibt es dafür die Abnehmer und andererseits können und wollen nicht alle Betriebe umbauen. Oft sind es lokale Begebenheiten, die einen Ausbau nicht zulassen, häufig ist aber auch die Betriebsübernahme nicht gesichert – oder es läuft einfach zufriedenstellend. Und auch das ist in Ordnung. Johanna Prodinger, NTÖ: „Es gibt die Vielfalt an Konsument:innen und die Vielfalt an Betrieben – wir dürfen die Basis nicht verlieren oder diskreditieren.“ Schließlich muss sich die heimische Nutztierhaltung nicht verstecken. Norbert Marcher, GF der Marcher Gruppe: „Ein großes Plus, das uns von ausländischen Lieferketten unterscheidet, ist die breite Basis der bäuerlichen Familienbetriebe in der Tierhaltung. Dadurch entsteht schon per se eine Identifizierung mit Hof, Grund und Tier.“ Kritik und ein Schwinden des Konsument:innen-Vertrauens nimmt man aber auch bei Marcher wahr – und sehr ernst. Marcher: „Um den anhaltenden kritischen Stimmen zu begegnen, sind alle Stufen der Fleischgewinnung aufgerufen, sowohl Investitionen in zeitgemäße Einrichtungen als auch in professionelles Management zur Sicherstellung der Abläufe zu tätigen. Parallel dazu bedarf es noch größerer Transparenz, um das Vertrauen der Konsument:innen zu erhalten bzw. zu gewinnen.“

VERARBEITET. Bisher denkt man bei der Haltungskennzeichnung vornehmlich an Frischfleisch. „Verarbeitete Produkte“, so Johanna Prodinger, „sind next level, weil nochmal komplexer.“ Marcher stellt zudem fest: „Die Nachfrage in diesem Segment ist seit vielen Jahren auf überschaubarem Niveau stabil. Wir sehen den Bedarf mit den bestehenden Herstellern gut gedeckt, sind aber gleichzeitig jederzeit offen für konkrete Anfragen.“ Und auch Thomas Schmiedbauer, GF Wiesbauer, stellt fest: „Tierwohl und Bio sind permanent präsent in der Branche und zunehmend wichtige Themen. Allerdings ist die Beschaffung bzw. Verfügbarkeit in größeren Mengen begrenzt. Und zum anderen zeigt sich auch, dass die Konsument:innen überwiegend nicht bereit sind, dafür den entsprechenden Mehrpreis zu bezahlen.“ Franz Radatz, GF Radatz Feine Wiener Fleischwaren, sieht das ähnlich: „In der Praxis wäre dies ein erheblicher Verwaltungsaufwand – zusätzlich zu den bereits vorhandenen Rückverfolgungssystemen – und eine weitere Verteuerung durch kleinere Chargen. D.h. möglich ja, aber nur zu Mehrkosten.“

OPTIMIERT. Bei Berger Schinken sieht man hier allerdings bereits Wege, die in Sachen Bio- oder Tierwohl funktionieren. Das Familienunternehmen bietet aktuell genau genommen fünf unterschiedliche Stufen an: Konventionelle Ware aus Österreich (4 x SUS, erkennbar an der Österreich Landkarte auf der Packung), Produkte mit AMA-Gütesiegel-Auszeichnung, Artikel aus dem Klimaschutzprogramm „Regional-Optimal“, die „Berger Tierwohl-Programm“-Linie und Bio-Ware. Besonders im Fokus steht dabei das „Regional-Optimal“-Programm, für das auch immer öfter Schweinefleisch aus Tierwohl-Haltung zum Einsatz kommt. Rudolf Berger: „Unser Ziel ist klar: Wir wollen Tierwohl ausbauen. Das bedeutet auch, dass wir unsere Vertragslandwirte entsprechend mit langjährigen Lieferverträgen und Aufschlägen unterstützen.“ Gaby Kritsch, Verkaufschefin bei Berger Schinken, ist daher auch klar für eine Kennzeichnung der Haltungsform: „Wir befürworten sowohl bei Frischfleisch als auch bei verarbeiteten Produkten eine Haltungskennzeichnung, denn nur sie garantiert volle Transparenz und eindeutige Orientierung als Basis für eine Kaufentscheidung.“

BIO-ENGPÄSSE. Im Bereich Bio-Ware berichtet Berger, wie auch der Rest der Branche, von Engpässen. Berger: „Bei Bio ist die Verfügbarkeit des Rohstoffes der limitierende Faktor: Wir sind einer der größten Bio-Fleisch- und Schinken-Produzenten und könnten mehr absetzen, wenn wir den Rohstoff zur Verfügung hätten.“ Das Problem ist dabei nicht eine zu hohe Nachfrage, sondern ein zu geringes Angebot. Helga Juffinger, Prokuristin der Bio-Metzgerei Juffinger: „Der Markt entwickelt sich gut, die Produktion der heimischen Bio-Landwirtschaft hinkt jedoch deutlich hinterher, sodass die Anfragen nicht zur Gänze bearbeitet werden können.“ Bei Sonnberg Biofleisch sieht man sich mit der selben Situation konfrontiert. Thomas Reisinger, Prokurist und Verkaufsleiter: „Der Absatzmarkt für Bio-Produkte ist sehr gut, im Gegensatz dazu steht, dass die Bio-Landwirtschaft aus verschiedenen Gründen, wie Förderungen und hoher Bürokratie, stagniert. Auch bei Bio-Rindern treibt das geringe Angebot seit Beginn des Jahres die Preise stark nach oben, das verursacht Preisanstiege, die unsere Kund:innen bald nicht mehr bereit sind zu akzeptieren.“

FAZIT. Eine übersichtliche Haltungsformkennzeichnung ist in Österreich längst überfällig, wird aber für die nächsten Monate erwartet. Zu hoffen bleibt, dass diese Branchenlösung nicht vom Gesetzgeber – wie in Deutschland passiert – überrollt wird, sondern entlang der Wertschöpfungskette für klare Regeln und eine Weiterentwicklung des Marktes sorgt. Sowohl die Landwirtschaft als auch die Konsument:innen würden davon jedenfalls profitieren.