PRODUKT: Die österreichischen Molkereien sind in Sachen Nachhaltigkeit ja sehr engagiert, etwa in Sachen Verpackung, Ressourcenschonung in der Produktion etc. Warum ist ökologisches Handeln aber gerade auch direkt am Milchbauernhof wichtig?
Woerle: Tierhaltung schlägt in der Klimabilanz negativ zu Buche, daran lässt sich nicht rütteln. Aber wir können sehr wohl an anderen Stellen ansetzen und Maßnahmen zum Klimaschutz initiieren. Mein Ziel ist es, die gesamte Produktionskette von Woerle so umweltfreundlich wie möglich zu gestalten. Guter Käse beginnt nicht in der Käserei, sondern auf den Wiesen und Weiden. Je größer die Pflanzen- und Artenvielfalt, desto komplexer die Aromen und desto besser der Käse. Unsere Betriebe erfüllen mit dem Heumilch-Regulativ und dem AMA-Gütesiegel Tierhaltung plus höhere Standards als gesetzlich vorgegeben. Dies wirkt sich positiv auf Milchqualität, Tiergesundheit, Biodiversität und Ressourcenschonung aus.
PRODUKT: Konkret zum Thema Artenvielfalt hat Woerle ja ein spannendes Projekt am Laufen. Können Sie uns dieses kurz skizzieren?
Woerle: Mit dem Projekt „Artenvielfalt in Bauernhand“, das wir 2020 gestartet haben, wollen wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass unser Umgang mit natürlichen Ressourcen die Lebensqualität künftiger Generationen gravierend beeinflusst – und das gelingt uns auch. Seit dem Start haben wir gemeinsam mit den Bäuerinnen und Bauern über 1.500 Lebensräume erhalten bzw. geschaffen. Wie das gelungen ist? Unsere Milchlieferant:innen haben erkannt, dass sie mit verhältnismäßig wenig Aufwand und geringem ökonomischen Nachteil einiges bewegen können. Viele denken bei Artenvielfalt an bunte Blumenwiesen – doch sie steckt auch in verwilderten Ecken, Holz- und Steinhaufen, ungemähten Flurwegen oder Hecken. Genau dort finden Spinnen, Laufkäfer und viele andere Nützlinge ihren Lebensraum. In einer unserer Praxiswerkstätten erzählte kürzlich eine junge Bäuerin, dass die Landwirt:innen aus der Nachbarschaft zunächst irritiert auf die neuen „wilden Ecken“ reagiert hätten, sich dann aber davon inspirieren ließen. Wenn wir weiterhin so viel Rückhalt bekommen, bin ich mir sicher, dass wir bis 2030 das Ziel von 5.000 Lebensräumen erreichen werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Engmaschigkeit des Mosaiks, denn kleinste Insekten können oft nur Distanzen von bis zu 100 Metern überwinden.
PRODUKT: Woerle belohnt die Landwirt:innen ja auch für CO₂-einsparende Maßnahmen – wie funktioniert das genau?
Woerle: 2021 haben wir unsere Milchlieferant:innen eingeladen, durch entsprechende Maßnahmen den CO₂-Fußabdruck in ihren Betrieben zu reduzieren. Das Programm hat in den vergangenen Jahren viel Zuspruch erhalten, und deshalb zahlen wir auch weiterhin eine Prämie von bis zu € 50,- pro eingesparter Tonne CO₂. Wir fördern energieeffiziente Melk- und Milchkühlanlagen genauso wie elektrische Hoftracs oder innovative Wärmerückgewinnungssysteme. Erst kürzlich haben wir eine neue Partnerschaft mit engagierten Jungbäuer:innen abgeschlossen, die den Hof eines Verwandten übernehmen und den Betrieb so umbauen möchten, dass er zu 80% energieautark wird – mit LED-Lampen im Stall, Biomasseheizung etc. Denn jeder Schritt zählt, und gemeinsam können wir viel bewegen.
PRODUKT: Inwieweit trägt biologische Landwirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit bei? Und was sind jene Aspekte, die mit konventioneller Landwirtschaft vielleicht sogar ökologisch sinnvoller umgesetzt werden können?
Woerle: Es ist nicht allein das Zertifikat, sondern die Art der Bewirtschaftung, die über Nachhaltigkeit entscheidet. Für uns als Käseproduzent steht die Qualität der Milch an erster Stelle. Diese hängt stark von der Fütterung und der Haltung der Kühe ab. Beides kann sowohl in der biologischen als auch in der konventionellen Landwirtschaft nachhaltig gestaltet werden. Heumilch ist dafür ein gutes Beispiel: Sie wird oft extensiv produziert, fördert die Artenvielfalt auf den Wiesen und trägt zur hohen Qualität unserer Produkte bei – egal ob bio oder konventionell.
PRODUKT: Woerle hat ja Anfang des Jahres auch eine Bio-Linie lanciert – können Sie bereits ein erstes Fazit ziehen, wie diese von den Konsument:innen angenommen wurde?
Woerle: Die „Woerle“-Bio-Range ist derzeit ausschließlich im Bio-Fachhandel in Österreich und Deutschland erhältlich. Die Nachfrage ist vielversprechend. Wir sehen im Bio-Segment durchaus noch größeres Potenzial und streben mittelfristig auch eine Listung im klassischen LEH an.