PRODUKT: Unser Heftthema lautet: „Achtsam – Was ist drin?“ – eine große Frage, wenn man auf die gesamte Wertschöpfungskette schaut. Ihr beschäftigt euch damit seit einiger Zeit. Welche Bereiche seht ihr euch bei eurer Arbeit an? Wie geht ihr vor?
Royer: Uns interessiert die gesamte Wertschöpfungskette eines Lebensmittels: vom Bauernhof über den Verarbeitungsbetrieb bis in den Supermarkt und ins Gasthaus. Wir schauen uns die Produktion genauso wie die Auswirkungen auf Wohlbefinden und Umwelt an. Dazu sprechen wir mit Expertinnen und Experten, vertiefen uns in wissenschaftliche Studien und machen Zusammenhänge sichtbar – auch dort, wo es unbequem oder komplex wird.
Fanninger: Achtsamkeit bedeutet für uns auch, genau hinzuschauen und unterschiedliche Perspektiven mitzudenken. Wir arbeiten faktenbasiert und unabhängig. So wollen wir den Menschen das nötige Wissen zum Essen mitgeben, damit sie eigenverantwortliche, bewusste Konsumentscheidungen treffen können.
PRODUKT: Welche dieser Bereiche sind für Konsument:innen besonders wichtig und wo seht ihr Wissenslücken?
Royer: Viele Menschen haben heute kaum noch Bezug zur Landwirtschaft. Wenn ich nicht weiß, wie viel Herzblut in die Produktion geflossen ist, wie viele Stunden der Bauer im Stall oder die Bäuerin am Feld verbracht hat und welche Herausforderungen es gibt, kann ich den Wert hinter einem Lebensmittel nur schwer fassen. Hier setzen wir an.
Fanninger: Mit den eigenen Konsumentscheidungen kann man so viel gestalten: die österreichische Wertschöpfung, die Zukunft der Landwirtschaft, unsere Kulturlandschaft als Tourismus-Highlight, die Umwelt. Essen kann so viel mehr, als uns bloß satt zu machen – es beeinflusst zum Beispiel auch unsere Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und unser emotionales Wohlbefinden.
PRODUKT: Eines eurer Kernthemen ist sicherlich die österreichische Herkunft und Landwirtschaft. Worauf sollten die Verbraucher:innen ganz besonders achten und warum?
Royer: In Österreich werden Lebensmittel unter Einhaltung hoher Standards produziert. Das heißt zum Beispiel: sehr hohe Tierschutzstandards und Fokus auf Tierwohl, strenge Regelungen bei Pflanzenschutzmitteln und damit verbundene Umweltauflagen und hohe soziale Standards. Wir sind Weltmeister in der biologischen Wirtschaftsweise und unsere Landwirtschaft zählt zu den nachhaltigsten in der EU. Diese Rahmenbedingungen sorgen für hochwertige Produkte, allerdings auch für höhere Preise. Österreich wird es niemals zum billigsten Preis geben. Es geht sich nicht aus, dass wir hierzulande genauso billig produzieren wie in anderen Ländern. Um diese hohe Qualität langfristig zu erhalten, ist jede und jeder von uns gefragt: Was morgen im Supermarktregal liegt, hängt davon ab, was wir uns heute ins Einkaufswagerl legen. Dasselbe gilt auch fürs Bestellen in der Gastronomie. Genau deshalb setzen wir uns auch schon seit Jahren für eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung ein.
PRODUKT: Land schafft Leben möchte die Konsumkompetenz fördern. Was versteht ihr darunter?
Fanninger: Konsumkompetenz bedeutet, tatsächlich meinen Werten entsprechend einzukaufen. Dazu braucht es Menschen, die wissen, was ihnen wirklich wichtig ist, und die in der Lage sind, Informationen einzuordnen, Dinge zu hinterfragen und Zusammenhänge zu verstehen. Für viele Konsument:innen ist nur der Preis der ausschlaggebende Faktor, warum sie sich für oder gegen ein Produkt entscheiden. Wir wollen zeigen, dass auch andere Gründe dazu bewegen können, ein bestimmtes Lebensmittel zu kaufen: Welche Ressourcen sind zum Beispiel in die Produktion geflossen? Was unterscheidet die österreichische Landwirtschaft von jener in anderen Ländern? Wie viel Platz hat eine Pute im Stall, wie funktioniert Pflanzenschutz, welche Haltungsformen gibt es bei Rindern? Wer die Antworten kennt, blickt mit anderen Augen auf das Supermarktregal – und konsumiert nicht blind, sondern eben bewusst.
PRODUKT: Viele Konsument:innen möchten achtsam konsumieren, tun das aber in der Realität nicht. Woran scheitert es?
Fanninger: Häufig „scheitert“ es an einfachen Faktoren: Zeitdruck, Kontostand, unübersichtliche Angebote. Im Supermarkt oder im Restaurant muss es schnell gehen, Informationen sind begrenzt – da lässt man sich leicht von Bildern oder Rabatten leiten, bevor man sich wirklich Gedanken macht. Achtsamer Konsum wird oft als Alles-oder-Nichts-Frage dargestellt. Das schreckt ab. Kleine, konsistente Schritte sind realistischer und nachhaltiger.
PRODUKT: Welchen Irrtümern, falschen Vorstellungen oder Idealen begegnet ihr immer wieder bei eurer Arbeit?
Royer: Ganz oft sind wir mit den Themen Tierwohl und Klima konfrontiert. Ein Tier, das in einem Stall aufwächst, hat nicht automatisch ein schlechtes Leben, nicht jede Pflanzenschutzmaßnahme ist schlecht für die Umwelt, Bauern sind nicht automatisch Klimasünder, Bäuerinnen verabreichen ihren Tieren nicht grundlos Medikamente. Uns muss klar sein, dass wir in Österreich häufig unter viel strengeren Rahmenbedingungen arbeiten als anderswo. Auf den Punkt gebracht: Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatten wir so sichere, so hochwertige und so billige Lebensmittel – und das in ständigem Überfluss.
PRODUKT: Welche Zutaten, Produktionsweisen etc. sind eurer Meinung nach wirklich zu vermeiden?
Fanninger: In einer idealen Welt kaufen wir Lebensmittel, die gerade Saison haben und aus der Region kommen. Wir versorgen unseren Körper mit einer ausgewogenen Vielfalt an Lebensmitteln, die der Treibstoff für ein gutes Leben sind. In der Realität muss nicht immer alles perfekt sein. Bei der Ernährung kann man sich die 80-20-Regel zu Herzen nehmen: Wenn man etwa 80% der Zeit darauf achtet, ausgewogen regional und mit der Saison zu essen, darf man in den verbleibenden 20% auch mal entgegen den eigenen Werten anderen Gelüsten nachgehen – solange das eben die Ausnahme bleibt und nicht zur Regel wird. Wir als Land schafft Leben zeigen nicht mit dem Finger auf bestimmte Zutaten oder Produktionsweisen, es kommt eben auf das Verhältnis an. Es geht nicht darum, immer „richtig“ zu kaufen, sondern bewusst, also den eigenen Werten entsprechend zu konsumieren, Widersprüche abzuwägen, Prioritäten zu setzen und sich immer im Klaren darüber zu sein, was die eigene Konsumentscheidung bewirkt.
PRODUKT: Günstige Preise und Rabatte als Lockmittel im Lebensmittelhandel: Was ist eure Meinung dazu?
Royer: Österreich ist eines der wohlhabendsten Länder – und gleichzeitig eines jener mit den größten Aktions- und Rabattanteilen. Ernährung sollte für alle leistbar sein, keine Frage, aber wir müssen aufpassen, dass Rabatte nicht unseren Blick auf den tatsächlichen Wert von Lebensmitteln verzerren. Gut muss nicht immer teuer sein, aber wenn wir unter „vernünftig produziert“ verstehen, dass ein Lebensmittel aus der Region kommt und dabei fair und nachhaltig mit Mensch, Tier, Umwelt und Ressourcen umgeht, dann wird sich das sehr wohl im Preis zeigen. Aber Hand aufs Herz: Wie viel geben wir von unserem Gehalt monatlich für den Lebensmitteleinkauf aus? Nicht mal ein Achtel. Gleichzeitig besitzen wir teure Handys, tragen Markenkleidung und fliegen teils sogar mehrmals jährlich durch die Weltgeschichte. Meiner Meinung nach ist das eine Frage der Prioritätensetzung.
PRODUKT: Bewusste Verbraucher:innen kehren großen Marken und Herstellern oftmals den Rücken. Zu Recht?
Royer: Größe allein sagt wenig aus. Es gibt große Betriebe, die unter hohen Standards richtig gute Qualität produzieren – und kleine, bei denen das nicht der Fall ist. Wichtig ist, wie produziert wird, nicht nur von wem oder in welcher Menge.
PRODUKT: Liegt euch darüber hinaus zum Thema „Achtsam“ noch etwas ganz besonders am Herzen?
Fanninger: Achtsamkeit soll nicht überfordern, sondern befähigen. Es geht um Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln und darum, den eigenen Konsum zu hinterfragen und den persönlichen Werten entsprechend zu gestalten. Und darum, Diskussionen zu versachlichen. Lebensmittel sind emotional besetzt, aber wir brauchen mehr Fakten und weniger Schuldzuweisungen. Achtsamkeit beginnt beim Hinschauen, Zuhören – und beim Verstehen.
PRODUKT: Vielen Dank für das Gespräch!
