PRODUKT: Unser Heftthema lautet „Nachhaltigkeit – Sortimente mit Zukunft“ – glauben Sie, mit Blick auf Ihre Daten, dass sich das Angebot im Handel in Zukunft weiter in Richtung Nachhaltigkeit verändern wird bzw. sollte?
Thommen: Wir sehen sehr früh, wohin sich Konsumgewohnheiten bewegen, weil die Bring!-App häufig der erste – und oft einzige – Ort ist, an dem Kaufabsichten strukturiert und digital festgehalten werden. Auf über 21 Millionen anonymisierten Einkaufslisten lassen sich nachhaltige Veränderungen im Konsumverhalten direkt erkennen. Unsere aktuellen Daten zeigen klar: Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema mehr. Pflanzliche Alternativen wachsen überproportional –Fleischersatzprodukte etwa um +176% im letzten Jahr vs. 2024, Tofu um +31%. Auch bei Zuckeralternativen wie z.B. Agavendicksaft, der 30% zulegte, sehen wir eine deutliche Verschiebung hin zu bewussteren Kaufentscheidungen. Das Sortiment im Handel wird sich weiter in Richtung Nachhaltigkeit entwickeln – schon allein deshalb, weil die Nachfrage strukturell steigt. Gleichzeitig wird es anspruchsvoller: Nachhaltige Produkte sind oft erklärungsbedürftig und teurer. Für Marken bedeutet das, früh in der Einkaufsplanung präsent zu sein. Wer es als Marke nicht auf die Einkaufsliste schafft, verliert am Regal häufig gegen Kaufgewohnheit, Whitelabel oder Promotion.
PRODUKT: Gibt es Erhebungen zur Konsument:innen-Einstellung zum Thema Nachhaltigkeit? Ist der Peak in Sachen Nachhaltigkeits-Begeisterung eventuell bereits überschritten?
Thommen: Von einem „Peak“ würden wir nicht sprechen. Vielmehr beobachten wir eine Normalisierung und Professionalisierung. Nachhaltigkeit ist weniger emotionales Trendthema, sondern zunehmend fester Bestandteil geplanter Alltagsentscheidungen. Gleichzeitig ist das Konsumverhalten insgesamt strukturierter geworden. Der Einkauf wird stärker geplant, Impulskäufe nehmen tendenziell ab. Nachhaltigkeit wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern gemeinsam mit Preis, Qualität und Regionalität abgewogen. In wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten wird Nachhaltigkeit also nicht aufgegeben – sie wird stärker gegen andere Faktoren abgewogen. Das ist aus unserer Perspektive kein Rückschritt, sondern Ausdruck eines reiferen Konsumverhaltens.
PRODUKT: Welchen Einfluss hat die gestiegene Preissensibilität bzw. Inflation auf den Kauf nachhaltiger, meist teurerer Produkte?
Thommen: Die Preissensibilität bleibt hoch, hat sich aber gemäß unseren Daten im Vergleich zum Vorjahr leicht entspannt: 46% der Österreicher:innen planen ihren Einkauf gezielt nach Angeboten, 2024 waren es 51%. Besonders die Generation 50+ reagiert mit 60% stark auf Aktionen. Trotz dieser leichten Entspannung stellt die Preissensibilität weiterhin die größte Hürde für nachhaltige Kaufentscheidungen dar. Das Bewusstsein ist vorhanden, doch in der konkreten Einkaufssituation wird Nachhaltigkeit gegen Budgetrestriktionen abgewogen. Wenn nachhaltige oder regionale Produkte deutlich teurer sind, entscheidet häufig der Preis – nicht die Haltung. Nachhaltiger Konsum findet also statt, aber innerhalb klarer finanzieller Grenzen. Für Anbieter bedeutet das: Neben ökologischen Argumenten müssen auch Preiswürdigkeit und konkreter Mehrwert überzeugend sein.
PRODUKT: Vielen Dank für die Einblicke!