Store-History

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Am PoS hat sich in den letzten 20 Jahren allerhand bewegt und vieles grundlegend verändert. Wir haben mit Ulrich Spaan, Mitglied der Geschäftsleitung des EHI Retail Institutes, über die spannendsten Entwicklungen geplaudert.

Ulrich Spaan, Mitglied der Geschäftsleitung des EHI Retail Institutes

PRODUKT: Frischen Sie bitte unsere Erinnerungen auf: Wie hat ein typischer Supermarkt im Jahr 1999 ausgesehen?
Ulrich Spaan: Noch weitestgehend analog und sehr klassisch in der Konzeption. Es gab keine digitalen Elemente, in Europa so gut wie keine Self-Checkouts oder Self-Scanning. Gastronomie innerhalb des Supermarkts war kaum existent, auch waren die Convenience-Sortimente noch vergleichsweise wenig ausgeprägt. Natürlich gab es einen Fokus auf Frische, aber die Warenpräsentation gerade bei Obst und Gemüse ist mit der eines heutigen Supermarkts kaum zu vergleichen. Eingangsbereiche waren meist nicht frei zugänglich, d.h. der Kunde musste eine Eingangsanlage passieren. Kühl- und Tiefkühlmöbel waren in der Regel offen, d.h. ohne Türen oder aufschiebbare Deckel, man verwendete herkömmliche Storebeleuchtung.

PRODUKT: Und wie sieht das heute aus?
Ulrich Spaan: Heuer ist ein ausgeprägter Fokus auf Frische zu spüren, was sich auch in der Warenpräsentation niederschlägt. Design und Einkaufsatmosphäre spielen eine sehr große Rolle, was sich auch durch eine große Vielfalt an Materialien zeigt. In vielen Supermärkten gibt es ein Gastronomieangebot innerhalb des Markts und vor der Kassenzone, es wird oft auf in der Filiale produzierte Produkte gesetzt. Die Bedienungstheken sind aufwändiger gestaltet und oft um digitale Elemente ergänzt. Die Preisauszeichnung erfolgt häufig digital, Self-Checkouts bzw. Self-Scanning sind weit verbreitet. Der Eingangsbereich ist oft frei zugänglich, d.h. es ist kein Kundenführungssystem installiert. Kühl- und TK-Ware wird aus energietechnischen Gründen in geschlossenen Möbeln präsentiert, bei der Ladenbeleuchtung kommen an vielen Stellen LEDs zum Einsatz. Generell spielt die Store-Beleuchtung auch im Bedienungsbereich eine viel größere Rolle als früher.

PRODUKT: Was waren also in diesem Bereich die wichtigsten technologischen Innovationen der letzten zwei Jahrzehnte?
Ulrich Spaan: Sicher sind an erster Stelle die Self-Checkouts zu nennen, die sich sehr weit verbreitet haben. Im Kassenumfeld haben Touchscreens die Tastatur komplett ersetzt. Elektronische Preisauszeichnung, die inzwischen auch farbig gestaltet werden kann und Informationen über den Preis hinaus beinhaltet, würde ich auch hinzuzählen. Im Bedien- und Gastronomiebereich ist Digital Signage zu nennen. Es gibt aber noch eine Reihe weiterer Innovationen, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind – so zum Beispiel die Web-Anbindung von Kassen, Waagen und mobilen Handhelds der Mitarbeiter, wodurch Prozesse in der Filiale wesentlich effizienter gestaltet werden.

PRODUKT: Gab es auch Neuerungen, die sich wider Erwarten nicht durchgesetzt haben?
Ulrich Spaan: Anfang der 2000er Jahre war RFID der große Hype im Lebensmittelhandel. Viele Experten gingen davon aus, dass der Barcode schon bald durch RFID Tags ersetzt werden würde. Erst nach einigen Jahren hat sich herausgestellt, dass sich RFID-Projekte im LEH nicht wirtschaftlich rechnen lassen und das Aufbringen der Tags viel zu komplex wäre. Ende der 90er gab es bereits einen Piloten mit einem Einkaufswagen, der sich durch einen RFID-Tunnel schieben lässt. Auch so etwas hat sich dann nicht durchsetzen können. An der Kasse gab es eine Zeit, in der Tunnelscanner für das Kassenband das große Thema waren. Diese funktionierten mit herkömmlicher Barcodetechnik oder Bilderkennung – durchgesetzt haben sie sich nicht. 

PRODUKT: Und wohin wird die Reise gehen – wie wird ein alltäglicher Lebensmitteleinkauf im Jahr 2039 aussehen?
Ulrich Spaan: Das ist sehr weit in die Zukunft gesprochen, schon der Blick in die nächsten 5 bis 10 Jahre birgt viele Ungewissheiten. Ich denke, das Bezahlen im Supermarkt wird sich grundlegend ändern – mobiles Bezahlen wird sich nach einer langen Anlaufphase durchsetzen. Im Convenience-Umfeld kann ich mir vollständig kassenlose Stores à la AmazonGo vorstellen – an bestimmten Standorten. Die Preisauszeichnung wird vollständig digital sein, auch die digitale Kommunikation in der Filiale mit den Smart Devices der Kunden wird über kurz oder lang Normalität sein. Supermärkte werden noch stärker als heute den Lebensmitteleinkauf mit gastronomischem Angebot verbinden, noch mehr auf Atmosphäre und Erlebnis setzen und immer stärker marktähnliche Formen annehmen. 

PRODUKT: Herr Spaan, herzlichen Dank für das Gespräch!