PRODUKT: Unser Heftthema lautet „Ernte-Dank – wertvoller Kreislauf“ – gerade nach diesem Sommer ist das ein wirklich heißes Thema! Was ist jetzt für niemanden mehr unübersehbar?
Tintner-Olifiers: Leider ist die Wissenschaft gar nicht so überrascht. Solche Extremjahre werden für Österreich bereits seit Jahren vorhergesagt. Aber, was noch nie da war, können wir uns schlecht vorstellen. Jetzt ist es erstmals Realität. Die Klimakrise ist da. Und sie zerstört konkret in der Landwirtschaft die Betriebsgrundlage, vor allem bei jenen, die nicht vorbereitet waren. Es ist für alle sehr, sehr herausfordernd!
PRODUKT: Was sind die wichtigsten Stellschrauben einer resilienten Landwirtschaft?
Tintner-Olifiers: Die Bekämpfung der Krise hat zwei Seiten. Die eine ist aktiver, rascher Klimaschutz. Wir müssen raus aus den fossilen Rohstoffen. Wer den Zusammenhang leugnet, leugnet sich selbst. Ein Klimaschutzgesetz ist Pflicht. Die andere Seite ist die Anpassung. Hier können wir sehr schnell viel tun, auch wenn es Jahre braucht, bis alle Maßnahmen wirken. Bisher hat die industrialisierte Landwirtschaft in Düngemittel investiert, um Nährstoffe zu liefern. Mittlerweile ist aber Wasserverfügbarkeit die limitierende Größe. Das erfordert ein rasches Umdenken. Kurzfristig ist Bewässerung ein Hebel, mittelfristig müssen es Humusaufbau, Bodenschutz und auch eine Änderung der Kulturfolgen sein. Weizen, Mais, Erdäpfel, aber auch Äpfel, Wein und Gemüse werden wandern, neue Kulturen werden hinzukommen. Eine Diversifizierung – also mehrere Feldfrüchte, die Ertrag bringen – schafft Resilienz. Nicht mehr die höchsten Erträge im besten Jahr zählen, sondern gesicherte Grunderträge in Krisenjahren.
PRODUKT: Und was bedeuten diese nötigen Schritte für die weiterverarbeitende Industrie – welche Rolle kommt der Lebensmittelindustrie als Partner der Landwirtschaft, aber auch selbst als Akteur zu?
Tintner-Olifiers: Die Lebensmittelindustrie hat sich viel zu lange darauf verlassen (können), dass Umweltmaßnahmen über die Agrarpolitik gefördert werden. Selbst musste man nicht unbedingt mitfinanzieren. Spätestens heuer werden viele Betriebe nervös, denn ohne agrarische Urproduktion hat ein Lebensmittelverarbeiter nichts zu verarbeiten. Nicht mehr die Schwankungen der Weltmarktpreise, sondern die physische Verfügbarkeit des Rohstoffs stellt die größte Herausforderung dar. Auf der anderen Seite haben viele heimische Verarbeiter ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihren Landwirt:innen aufgebaut. Damit kann ein Schulterschluss leicht erfolgen. Entscheidend ist, dass die Maßnahmen in der Landwirtschaft konkret bewertbar sind und dass es für resilienzsteigernde Maßnahmen auch eine entsprechende Abgeltung gibt, sei es in entsprechend höheren Preisen oder aber in Abnahmegarantien, die Investitionen in eine langjährige Umstellungsphase absichern. Klar ist, dass die Lebensmittelindustrie hier nicht alleine agieren kann, sondern ihrerseits den Handel als Partner braucht.
PRODUKT: Was wären seitens des Handels wichtige Schritte im Sinne einer nachhaltigen Transformation des Systems?
Tintner-Olifiers: Der Handel hat lange davon profitiert, dass wir Risiken globalisieren konnten. Soll heißen, irgendwo hat irgendwer schon irgendwie produziert. Diese Sicherheit ist durch die globale Klimakrise nicht zu halten. Es werden Jahre kommen, wo wir global nicht genug von bestimmten Feldfrüchten produzieren, um die Märkte wirklich zu befriedigen. Und dann wird es nicht um kernlose Biotrauben aus Italien gehen, sondern um Sojabohnen oder Mais global – bis dato undenkbar, aber seit diesem Sommer sollten wir vorsichtig mit solchen Einschätzungen sein. In so einer Situation ist eine regionale Verwurzelung, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit in einer überschaubaren Lieferkette entscheidend. Die großen Handelsketten in Österreich sind hier vielfach bereits aktiv, sprich die Voraussetzungen sind günstig. Auch die Handelsketten sind von einer Urproduktion abhängig und wenn wir in Österreich resiliente Landwirtschaft absichern, sichert das auch die Handelsketten gegen Risiken ab. Das wird etwas kosten, aber es lohnt sich in Krisenjahren.
PRODUKT: Und wie kann diese Transformation tatsächlich gelingen – auch ökonomisch – für alle Beteiligten wie Landwirtschaft, Industrie, Handel, Konsument:innen?
Tintner-Olifiers: Tatsächlich ist die Transformation aufwändig und wird kurz- bis mittelfristig Geld kosten. Niemand in der Wertschöpfungskette kann das alleine stemmen. Hier braucht es einen Schulterschluss aller Beteiligten. Allerdings braucht es auch klare Zielbilder, wohin die Transformation eines Betriebes, einer landwirtschaftlichen Region gehen soll. Resilienz ist das eine, Dekarbonisierung das andere und auch die Themen Biodiversität und Ökosystemleistungen müssen mitgenommen werden. Die Maximalerträge der besten Jahre können wir abschreiben, minimale Produktionspreise in den besten Jahren sind ebenfalls nicht mehr das Maß der Dinge. Die konkreten Wirkungen der Maßnahmen müssen messbar sein, auch die Industrie und der Handel müssen die Resilienzsteigerung, die Dekarbonisierung etc. in ihren Transitionsplänen abbilden können. Und schließlich müssen auch die Konsument:innen abgeholt werden. Wir werden vor allem die billigsten Preissegmente nicht halten können. Höhere Lebensmittelpreise lassen sich über die nächsten 15 Jahre nicht vermeiden. Das ist eine Tatsache. Gerade der Handel tut sich mit diesen Botschaften naturgemäß schwer. Aber auch hier kann ein vertrauensvoller Schulterschluss von Landwirtschaft und Wirtschaft sowie der Politik und der Zivilgesellschaft zu einer klaren, verständlichen Botschaft führen. Es ist doch eigentlich unlogisch, dass wir die größte Dürrekrise seit vielen Jahrzehnten erleben und sich bei den Preisen im Regal nichts tut.
PRODUKT: Wir brauchen ab und zu gute Nachrichten – haben Sie vielleicht konkrete positive Beispiele aus diesem Sektor? Etwas, das gut läuft und nachahmenswert wäre? Kreisläufe, die funktionieren und gute Erträge/Ernten ermöglichen?
Tintner-Olifiers: Gerade in Österreich sind wir zurecht stolz auf die heimische Landwirtschaft, die regionalen Verarbeiter, die starken Marken. Man soll die Augen nicht vor Problemen verschließen und es gibt viel zu tun. Aber viele Betriebe betreiben schon lange Humusaufbau, versuchen den Boden bedeckt zu halten. Zwischenfrüchte und Alternativkulturen haben in vielen Regionen lange Tradition. Die Almwirtschaft als extensive Viehwirtschaft ist eine äußerst resiliente Form der Landwirtschaft, auch wenn sie im heurigen Krisenjahr ebenfalls leidet. Es gibt genug Vorzeigebetriebe, bei denen Erfahrung und Wissen über viele Jahre gesammelt wurden. Der Wissenstransfer funktioniert. Und viele Industriebetriebe, aber auch Handelsketten unterstützen ihre Vertragslandwirte in ihren Anstrengungen.
PRODUKT: Und bei welchen Produkten/Handlungsweisen/Gegebenheiten in diesem Sektor fehlt Ihnen jedes Verständnis?
Tintner-Olifiers: Das ist eine lange Liste, bei der die Bandbreite meist von vertretbar bis untragbar reicht. Rabatte sind nicht grundsätzlich verkehrt. Aber die Rabattschlachten, die wir im Handel sehen, tun niemandem gut. Ich kann als Konsument:in kaum Preise vergleichen und die rabattierten Produkte werden im Grunde unterwertig verkauft. Aus der Spirale wieder rauszukommen, ist für die Handelsketten aber schwierig.
Verpackungen ermöglichen die Produktpräsentation, da ist das Design wichtig. Mitunter haben die Produktdesigner aber das sinnvolle Maß verloren. Viel Verpackung strapaziert unnötig Ressourcen.
Food Waste ist ein komplexes Thema, bei dem wir mehr Bewusstsein brauchen. Industrie und Handel haben hier schon viel gemacht, gerade bei den Konsument:innen fehlt es oft am Verständnis für Lebensmittel – viele wissen erstaunlich wenig darüber, wann und wie Lebensmittel verderben oder eben haltbar gemacht werden können. In der Landwirtschaft krankt es am Grundsätzlichen. Früher hat die Landwirtschaft produziert und die Menschen haben geschaut, zu verarbeiten, was das Feld hergibt. Heute wollen wir Hühnerkeulen und 20cm lange, gerade Karotten. Dass da noch ein Hendl an der Keule dran ist und viele Karotten in der Natur kürzer oder krumm sind, ignorieren wir. Schon in den Pixi-Büchern sind die Karotten am gezeichneten Marktstand alle gleich lang und gerade. Bei den politischen Entscheidungen fällt mir akut die Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel ein. Die verursacht hohe Kosten, Verunsicherung bei Verarbeitern und hilft auch nicht spezifisch gegen Lebensmittelarmut. Da hätte es sich vermutlich gelohnt, mit Industrie, Gewerbe und Handel über die Umsetzbarkeit und mit Armuts-Expert:innen zum erwartbaren Nutzen zu sprechen. Mittelfristig sind Agrarförderungen bedeutsame Hebel, die behutsam, aber klar in Richtung Resilienzaufbau fokussiert werden müssen. Hier ist ein mittelfristiger, klarer Plan wichtig, der bald gestartet werden muss.
PRODUKT: Besten Dank für das spannende Gespräch!