Derzeit ist eine Herkunftskennzeichnung in der Speisekarte ein Alleinstellungsmerkmal für den jeweiligen Betrieb. „Früher oder später wird das aber zum Standard werden“, sagt Hannes Royer, Gründer Land schafft Leben, und ergänzt: „Je mehr Betriebe die Herkunft ihrer Zutaten kennzeichnen, desto mehr werden Gäste auf dieses Thema sensibilisiert. Je öfter die Herkunft angegeben ist, desto öfter wird es den Menschen auffallen, wenn im Gasthaus dann plötzlich nicht dabeisteht, wo Fleisch, Milch, Eier, Mehl oder Gemüse herkommen. Viele werden es schlichtweg nicht mehr akzeptieren, ihr Geld für Essen auszugeben, von dem sie nicht einmal wissen, wo es herkommt und wie es produziert wurde.“ In der WKO sieht man die Situation differenziert; Alois Rainer, Obmann Fachverband Gastronomie: „Unsere Erfahrungen und Umfragen zeigen: Zwar wünschen sich die Gäste regionale Produkte, jedoch besteht nicht immer die Bereitschaft, dafür auch höhere Preise zu zahlen. Dennoch gibt es zahlreiche Betriebe, die ihre Produkte aus der Region beziehen, freiwillig kennzeichnen und damit wirtschaftlich sehr erfolgreich sind.“ Der Fachverband sowie die Fachgruppen in den Bundesländern unterstützen zahlreiche Initiativen zur Förderung regionaler Lebensmittel, wie z. B. Wirtshausinitiativen oder die AMA Genuss Region-Betriebe. Auch für neue, freiwillige Modelle der Herkunftskennzeichnung sei man grundsätzlich jederzeit offen, so Rainer. Einer Verpflichtung zur Kennzeichnung erteilt er aber eine Absage und erörtert die Gründe: „Zunächst spricht der EU-rechtliche Rahmen dagegen. Verpflichtende Angaben des Ursprungslandes oder des Herkunftsortes von Lebensmitteln dürfen laut der EU-Lebensmittelinformationsverordnung nur dann vorgeschrieben werden, wenn nachweislich eine Verbindung zwischen bestimmten Qualitäten des Lebensmittels und seinem Ursprung oder seiner Herkunft besteht. Ein weiterer Punkt, der gegen eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung spricht, ist die damit verbundene enorme bürokratische Belastung für unsere von Klein- und Mittelbetrieben geprägte Branche: von umfangreichen Aufzeichnungs- und Dokumentationspflichten bis hin zu häufigen Änderungen der Speisekarte, sobald einzelne Produkte nicht verfügbar sind. Bereits heute sind unsere Betriebe im Durchschnitt 10 Stunden pro Woche mit bürokratischen Tätigkeiten belastet.“
NÄHE. Regionalität steht laut AMA-Marketing für Konsument:innen immer stärker im Fokus. So gaben 85% bei der RollAMA Motivanalyse im März 2025 an, dass regionale Lebensmittel in Zukunft an Bedeutung oder eher an Bedeutung gewinnen werden. „Hier setzt unser Gütesiegel an, denn alle AMA Genuss Region-Betriebe müssen mittels externer Kontrolle nachweisen, dass sie regionale Produkte einsetzen“, erklärt Julia Göschelbauer, Leitung Export & Kulinarik AMA-Marketing: „Nur dann dürfen sie das Gütesiegel tragen. Gäste können sich so sicher sein, dass die Produkte, die sie kaufen und konsumieren, regional sind. Dies wird auch transparent durch die Verwendung des Gütesiegels in der Speisekarte und mit einer Betriebstafel am Eingang sichtbar gemacht.“
WETTBEWERBSVORTEIL. Entscheidungsfreiheit für den Gast kann ein Wettbewerbsvorteil für den Betrieb sein. Julia Göschelbauer: „Gäste werden immer kritischer, die Glaubwürdigkeit der Auslobungen betreffend, und zugleich immer selbstbestimmter, was den Einkauf bzw. die Restaurantwahl angeht. Mit einer Herkunftskennzeichnung auf Basis AMA Genuss Region zertifizierter Betriebe kann Transparenz und Nachvollziehbarkeit geschaffen werden. Transparenz schafft wiederum Vertrauen beim Gast. Das sollte eines der obersten Ziele sein und wird zukünftig unvermeidbar.“ Auch Hannes Royer sieht hier einen USP für die Gastronomie: „Wenn die Gäste direkt sehen, woher bspw. das Steak auf dem Teller kommt, dann können sie ganz bewusst entscheiden: ‚Möchte ich das Rindfleisch aus Argentinien oder bezahle ich doch ein paar Euro mehr für das österreichische?‘“ Der Land schafft Leben-Gründer weiß auch: „Die Restaurantgäste begrüßen eine klare Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln ganz besonders. Viele sind sogar überrascht, wenn etwa beim ,Steirischen Backhendl-Salat‘ weder das Hendl noch der Salat tatsächlich aus Österreich stammen. Vor allem deutsche Gäste gehen lt. Studie zu 80% davon aus, dass sie in Österreich auch österreichische Lebensmittel serviert bekommen. Dieses Bewusstsein ist auch den Gastronom:innen bekannt. Dennoch entscheiden sich viele bewusst für Anonymität und verschweigen die Herkunft ihrer Produkte, um möglichst günstig einkaufen zu können. Gerade deshalb wäre volle Transparenz ein entscheidender Schritt, um Glaubwürdigkeit aufzubauen und langfristig die Bindung zu den Gästen zu stärken.“ Julia Göschelbauer argumentiert ähnlich: „Insbesondere in der Gastronomie spielt Regionalität eine große Rolle. Die Gäste wollen wissen, woher die Produkte kommen, bestenfalls in der Speisekarte ausgelobt mit der spezifischen Region und von welchem Betrieb die Produkte stammen. Das Image heimischer Produkte ist vor allem eine sehr hohe Produktqualität und hervorragender Geschmack.“
AUCH FAKT. Dass das Thema Regionalität bei vielen Gästen hoch im Kurs steht, darüber sind sich die Branchenkenner einig. Alois Rainer gibt aber zu bedenken: „Die Herkunft , … aus Österreich‘ allein sagt noch nichts über die Qualität der Waren aus; etwa existiert die Haltung auf Vollspaltböden auch in Österreich. Zur Lebensmittelsicherheit und Tierhaltung gibt es EU-weit einheitliche Vorschriften.“ Für ihn ist daher entscheidend, dass diese Regeln auch in allen Mitgliedstaaten gleichermaßen kontrolliert und bei Verstößen sanktioniert würden.



