Trotz Wachstums der pflanzlichen Alternativen sind die ganz klassischen, also tierischen Milchprodukte weder aus dem Ernährungsplan noch aus den Supermärkten wegzudenken. Lieferantinnen dafür sind hierzulande in den allermeisten Fällen Kühe. Etwas über eine halbe Million steht für 99% der angelieferten Milchmenge, für das restliche Prozent zeichnen 391.000 Schafe und 95.800 Ziegen verantwortlich. Die Zahl der Kühe ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gesunken. 1995 waren es noch 638.339 (ama.at). Die Zahl der Milchbäuer:innen ist im Verhältnis übrigens noch deutlich stärker zurückgegangen: von 77.500 im Jahr 1995 auf zuletzt 21.569 (Land schafft Leben, Landwirtschaftskammer). Somit ist schon rein rechnerisch klar, dass es heute einerseits mehr Kühe pro Bauernhof gibt als früher und andererseits auch jede einzelne Kuh mehr Milch gibt als einst. 4.600kg waren es im Jahr des EU-Beitritts, während man heute mit 7.300kg pro Tier rechnen darf. Die tatsächliche Leistung unterscheidet sich freilich nach Rasse, Futter u.v.m.
KUH-ROUTINE. Die tägliche Routine einer Milchkuh umfasst üblicherweise zweimal Melken und ansonsten stundenlanges Fressen sowie Wiederkäuen und natürlich Ruhen – ein sehr wichtiger Faktor für die Tiergesundheit, tut die liegende Haltung doch den Gelenken und Klauen ebenso gut wie dem Euter. Dass die Kuh gesund und fit bleibt, liegt einerseits natürlich aus ethischen Gründen im Sinne der Landwirt:innen. Johann Költringer, GF Milchverband Österreich: „Mit einer sehr kleinen Betriebsstruktur von rund 25 Kühen (Anm.: Vergleich Deutschland: 70 Kühe, Quelle: AMA), getragen von bäuerlichen Familienbetrieben, wird ein intensiverer und persönlicherer Bezug in der Milchviehhaltung ermöglicht.“ Die Kühe geben natürlich mehr Milch, wenn es ihnen gut geht und können dann auch länger als Lieferantinnen im Einsatz bleiben. Költringer: „Wir können hier mit Stolz auf eine längere ‚Haltungsdauer‘ der heimischen Kühe als im internationalen Vergleich verweisen, was ein Indiz für die gute Tierhaltung in Österreich ist.“ Schon allein aus wirtschaftlichen Gründen waren die Bäuer:innen daher immer schon bestrebt, auf die Gesundheit ihrer Kühe zu achten. In den vergangenen Jahren hat der Faktor Tierwohl aber nochmal ordentlich an Bedeutung gewonnen. Molkereien, deren Milchbäuer:innen hier überdurchschnittlich engagiert sind, betonen diese Aspekte auch viel stärker als früher in ihrer Kommunikation.
MINIMUM. Doch was muss einer Milchkuh denn überhaupt geboten werden? „In Österreich gelten für die Haltung von Milchkühen gesetzlich festgelegte Mindeststandards, die im Tierschutzgesetz und in der 1. Tierhaltungsverordnung geregelt sind. Diese Standards betreffen u.a. Fütterung, Bewegungsmöglichkeiten, Platzangebot, Stallklima und Tiergesundheit“, erklärt Peter Hamedinger, Teamleitung Marketing tierisch bei der AMA Marketing. So müssen die Tiere artgemäß, bedarfsgerecht und regelmäßig gefüttert werden, frisches Wasser muss ständig verfügbar sein. Bei Anbindehaltung sind Mindestbreiten für den Liegeplatz vorgeschrieben, bei Laufstallhaltung muss es entsprechende Bewegungsflächen und eine Liegebox pro Tier geben. Die dauerhafte Anbindehaltung ist verboten, wobei hier in bestimmten Fällen Ausnahmen möglich sind. Und was den Stall angeht, so ist auf Frischluftzufuhr, Licht (mind. acht Stunden pro Tag, mindesten 40 Lux, Quelle: Land schafft Leben), einen rutschfesten Boden sowie trockene Liegeflächen zu achten. Das Platzangebot pro Tier ist von der Haltungsform bzw. vom Gewicht abhängig. Bei „sonstiger Gruppenhaltung“ sind beispielsweise für Kühe mit bis zu 350kg mind. 2m2 vorgesehen. Hamedinger meint dazu: „Mindeststandards dienen dem Tierschutz, jedoch ist eine verbesserte Haltung nach Möglichkeit immer zu bevorzugen.“ Johann Költringer, Milchverband Österreich, ergänzt: „Die rechtlichen Vorgaben Österreichs liegen über jenen der EU bzw. den meisten Ländern der EU. Es ist außerdem zu beachten, dass unsere Milchwirtschaft seit langem zusätzliche Standards im Bereich Tierschutz getroffen hat, und dies weitgehend flächendeckend.“ Hamedinger sieht das ähnlich: „Der Großteil der Milchviehbetriebe in Österreich geht heute bereits über den gesetzlichen Rahmen hinaus – etwa durch die Teilnahme an Programmen wie dem AMA-Gütesiegel bzw. Tierhaltung plus.“ Letzteres ist ein freiwilliges Zusatzmodul für Bäuer:innen, die in ihrer Tierhaltung bewusst mehr als die AMA-Gütesiegel-Kriterien erfüllen möchten. Es umfasst gentechnikfreie, palmölfreie Futtermittel aus europäischer Herkunft, Scheuer-/Kratzbürsten für die Tiere sowie ein erweitertes Tiergesundheitsmonitoring.
SPEZIELLE VORTEILE. Für Erzeuger:innen von Spezialsorten wie Heu- oder Biomilch gelten freilich nochmal höhere Anforderungen. Hannes Royer, Land schafft Leben: „Bio bietet, was das Tierwohl betrifft, ganz klare Vorteile, zum Beispiel einen verpflichtenden Auslauf an mind. 120 Tagen im Jahr und ein höheres Platzangebot.“ Auch Heumilchkühe leben über dem gesetzlichen Standard: So sind vergorene Futtermittel wie Silage verboten, der Anteil an sog. Raufutter (z.B. Heu, Gras, Klee, Kräuter) muss mind. 75% bzw. bei Bio-Heumilchkühen sogar mind. 85% betragen. Sie müssen im Laufstall oder Laufhof gehalten werden und haben ebenfalls mind. 120 Tage Auslauf im Jahr. „Derzeit sind 19% der angelieferten Milch Bio, Heumilch macht einen Anteil von 15% aus“, erläutert Hannes Royer.
IM FOKUS. Erhöhte Tierwohlkriterien sind jedenfalls für die starken Milch-Marken des Landes wichtige Tools zur Differenzierung geworden. Josef Braunshofer, GF Berglandmilch: „Tierwohl und Nachhaltigkeit sind zentrale Pfeiler der Berglandmilch Unternehmensphilosophie. Aus diesem Grund ist es nicht nur in Kampagnen und Werbesujets wichtig, sondern wir setzen gezielt hier auch auf die direkte Kommunikation mit den Konsument:innen, wie beispielsweise auf den Verpackungen. Auch die Honorierung jener Betriebe, die besonders hohe Standards im Bereich Tierhaltung umsetzen, ist uns ein großes Anliegen.“ Bei der SalzburgMilch setzt man schon seit 2017 sehr intensiv auf dieses Thema und hat sich als Pionier in Sachen Tiergesundheit positioniert. Florian Schwap, Head of Marketing, Sustainability & Innovation: „Mit der einzigartigen Tiergesundheitsinitiative der SalzburgMilch wird sichergestellt, dass die Bauernfamilien besonders strenge Kriterien in der Versorgung und Pflege ihrer Tiere einhalten. Herzstück sind regelmäßige Tiergesundheits-Checks durch unabhängige Prüfer. Einzigartig für Österreichs Molkereilandschaft steht darüber hinaus eine molkereieigene Tierärztin den SalzburgMilch Bäuer:innen beratend zur Seite.“ Auch bei der NÖM ist Tierwohl ein Fokus-Thema. „Die Marke ‚nöm‘ integriert diesen Aspekt aktiv in ihre Kommunikation. Unter der ‚NÖM Tierwohlgarantie‘ werden alle entsprechenden Themen zusammengefasst, diese steht für regionale Herkunft, gentechnikfreie Produktion und nachhaltige Landwirtschaft. Sie ist Teil der Markenbotschaft und wird als Qualitätsmerkmal kommuniziert“, so NÖM-Marketingleiterin Veronika Koch.
NICHT EGAL. Wie es den Milchkühen geht, ist den Österreicher:innen nicht egal. Josef Braunshofer, Berglandmilch: „Wir wissen aus Marktstudien und Motivanalysen, dass gemeinsam mit Bio und Nachhaltigkeit das Thema Tierwohl den Wert von Lebensmitteln am stärksten beeinflusst.“ Allerdings, so Veronika Koch, NÖM: „Die Ansprüche in der öffentlichen Diskussion zum Thema Tierwohl entsprechen nicht unbedingt dem Kaufverhalten und der Sortimentsgestaltung im Handel. Tierwohl ist ein relevanter Faktor für die Konsument:innen, wirkt aber meist im Zusammenspiel mit anderen Kaufkriterien wie Preis, Convenience und Gesundheitsaspekten.“ Auch Hannes Royer, Land schafft Leben, ortet hier eine Diskrepanz: „Grundsätzlich ist es häufig so, dass wir Bio, Tierwohl und Nachhaltigkeit fordern, diese Werte beim Einkaufen dann aber ganz schnell wieder über Bord werfen – und uns letztendlich doch lieber für den billigen Preis entscheiden. Das ist absurd, weil dadurch legen wir den Betrieben Steine in den Weg, die genau so produzieren möchten, wie wir uns das eigentlich wünschen.“
VOM KALB ZUR MILCHKUH
Üblicherweise erhält ein Kalb in seinen ersten Lebensstunden Muttermilch, oft auch länger, da diese sieben Tage lang ohnehin nicht für den menschlichen Verzehr zugelassen ist. In den darauffolgenden Wochen bekommen die meisten Kälber einen Milchersatz, Heu und Kraftfutter. Kuh und Kalb werden zumeist rasch getrennt (Ausnahme: Mutterkuhhaltung), das Kalb kommt zunächst in Einzelhaltung. Ab einem Alter von acht Wochen muss es in einer Gruppe untergebracht sein. Mit rund 18 Monaten wird die Kalbin (Anm.: Kuh, die noch kein Kalb geboren hat) erstmals besamt. Nach einer Tragezeit von neun Monaten wird sie zur Milchkuh. Um die Tiere zu schonen und ihre Lebensdauer zu verlängern, wird sie bereits zwei Monate vor dem Geburtstermin „trocken gestellt“, also nicht mehr gemolken. Durchschnittlich sind Milchkühe rund 6,5 Jahre im Einsatz, danach geht die Milchleistung zurück und ist nicht mehr wirtschaftlich sinnvoll nutzbar. Die Tiere werden im Regelfall geschlachtet – Milchkühe machen rund 30% aller geschlachteten Rinder in Österreich aus.
