PRODUKT: Herr Spreitzer, was macht zeitgemäße Arbeitsplatzkultur in der Hotellerie aus?
Spreitzer: Zeitgemäße Arbeitskultur bedeutet heute vor allem Vertrauen statt Kontrolle – bei gleichzeitig klarer Führung. Gerade in dieser Branche, die operativ, schnell und oft stressig ist, reicht es nicht mehr, nur Abläufe zu optimieren. Entscheidend ist, wie gearbeitet wird, nicht nur was. Aus unserem aktuellen „Best Workplace for Young Talents Report 2026“ sehen wir fünf klare Faktoren, die den Unterschied machen: Sinn und Bedeutung der Arbeit, klare, glaubwürdige Führung, echter Teamgeist, Innovationsfähigkeit sowie psychische und emotionale Gesundheit. Das Spannende dabei ist: Die besten Arbeitgeber in der Hotellerie schaffen genau das und sind gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreicher. Denn: Gute Kultur ist kein „Soft Topic“ mehr, sie ist ein Performance-Faktor. Gerade im Tourismus gilt: Der Gast spürt die Kultur sofort. Und die beginnt beim Team.
PRODUKT: Welche Ansprüche der „NextGen“ muss ein Arbeitgeber heute erfüllen?
Spreitzer: Die größte Fehlannahme ist: Die NextGen will weniger leisten; unsere Daten zeigen genau das Gegenteil. Junge Mitarbeitende wollen Leistung bringen, sich entwickeln, etwas Sinnvolles beitragen und erfolgreich sein. Sie haben aber eine klare Erwartung: Es muss sich lohnen, menschlich wie persönlich. Konkret erwarten sie Sinn und Klarheit („Warum mache ich das?“), faire und ehrliche Führung, Feedback statt Hierarchie, Entwicklungsmöglichkeiten, Respekt und Wertschätzung im Alltag. Ein sehr klarer Befund aus der Studie: Wenn junge Mitarbeitende Sinn in ihrer Arbeit sehen, bleiben sie 1,7 Mal länger im Unternehmen. Das ist kein „Nice-to-have“, das ist ein wirtschaftlicher Hebel.
PRODUKT: Welche Ansprüche darf der Arbeitgeber an die Mitarbeitenden haben?
Spreitzer: Hier ist mir ein Punkt ganz wichtig: Die Ansprüche sind nicht gesunken, sie sind gestiegen. Arbeitgeber dürfen und sollen Leistungsbereitschaft, Verantwortung, Lernbereitschaft, Verlässlichkeit und Teamfähigkeit erwarten. Diese Ansprüche funktionieren heute allerdings nur mehr in einem veränderten System. Die alte Logik war Leistung gegen Sicherheit. Die neue Logik ist Leistung gegen Sinn, Entwicklung und faire Behandlung. Oder ganz einfach gesagt: Junge Mitarbeitende liefern sehr viel, wenn das Umfeld stimmt. Und wenn es nicht stimmt, gehen sie schneller. Das ist kein Mangel an Loyalität, das ist Konsequenz.
PRODUKT: Was ist bei der Ansprache potenzieller Mitarbeiter:innen zu beachten?
Spreitzer: Die größte Veränderung im Recruiting ist die, dass es nicht mehr um Kommunikation geht, sondern um Glaubwürdigkeit. Gerade in der Hotellerie sehen wir oft schöne Karriereseiten, starke Employer Branding Claims – die Realität im Alltag passt da aber oft nicht dazu. Und genau das merkt die NextGen sofort. Was heute wirklich zählt, ist Klarheit statt Hochglanz sowie Antworten auf Fragen wie „Was erwartet mich wirklich im Job?“, „Wie sieht ein typischer Tag aus?“, „Was lerne ich hier?“, „Wie wird geführt?“, „Wie wird mit Stress umgegangen?“, „Wo kann ich hin?“. Ebenso ist es wichtig, die Kultur sichtbar zu machen, echte Einblicke zu geben, reale Mitarbeitende und Entwicklungsmöglichkeiten zu zeigen, Haltung zu zeigen, kein „Marketing-Bla bla“. Ein spannender Punkt aus unserer Studie: 70% der Bewerber:innen achten aktiv auf Auszeichnungen und Arbeitgeberqualität. Das heißt, dass im Recruiting auch Vertrauen messbar geworden ist.
PRODUKT: Was charakterisiert die Mitarbeitenden der Zukunft?
Spreitzer: Die Mitarbeitenden der Zukunft sind nicht schwieriger, sie sind bewusster. Ich würde sie so beschreiben: reflektiert, anspruchsvoll und leistungsbereit, aber nicht um jeden Preis. Sie sind digital aufgewachsen, schnell im Lernen, stark im Vergleichen, gewohnt, Dinge zu hinterfragen und weniger bereit, „einfach mitzuspielen“. Und ein ganz zentraler Punkt: Sie unterscheiden nicht mehr zwischen „Arbeit“ und „Leben“ im klassischen Sinn. Sie wollen arbeiten, leisten, erfolgreich sein – aber in einem Umfeld, das sie nicht ausbrennt, sondern stärkt. Deshalb mein persönliches Fazit, auch als jemand aus der Branche: Die NextGen zeigt uns sehr klar, wo unsere Arbeitswelt nicht mehr funktioniert. Und genau darin liegt die Chance, gerade für die Hotellerie. Die Fragestellung ist nicht, wie wir die Jungen verändern. Vielmehr geht es darum, wie wir Arbeit so gestalten, dass Leistung, Menschlichkeit und Zukunft zusammenpassen.
PRODUKT: Vielen Dank für die spannenden Punkte.