Wenn die Mengen, die geerntet werden, weniger werden, so wie in dieser Saison, verdeutlicht das im Normalfall den Wert, den landwirtschaftliche Produkte für die Weiterverarbeitung, den Handel und die Verbraucher:innen haben. Die Getreideernte fiel heuer um 20% geringer aus – was allerdings (noch) keine Auswirkungen auf die Versorgungslage in Sachen Brotgetreide hat, denn zum einen war die letztjährige Ernte sehr gut und zum anderen betreffen die Einbußen insbes. Futtergetreide mit einem geringeren Eiweißgehalt. Dennoch ist die Lage für die Landwirte nicht einfach. LK-Präsident Josef Moosbrugger erläutert, warum: „Herausfordernd für die Ackerbaubetriebe ist neben den hohen Kosten und geringeren Erträgen, dass international noch viel Weizen aus dem Vorjahr vorhanden ist und der Preis noch nicht so gestiegen ist, wie man das angesichts guter Qualitäten und niedriger Erträge erwarten würde.“ Die schlechte Ernte trifft also aktuell die Landwirt:innen, während der Rest des Systems (noch) stabil bleibt. Dennoch ist natürlich auch den Verarbeitern (Mühlen, Bäcker:innen) klar, dass mehrere Dürre-Sommer in Folge die Situation ganz schnell verändern können.
WAS TUN? Um diesem Umstand vorzubeugen, sind bereits vielerorts die Weichen gestellt und Initiativen für eine klimafitte Landwirtschaft am Laufen. Neben dem aktiven Kampf gegen eine weitere Klimaverschlechterung setzt z.B. die Landwirtschaftskammer in allen Produktionssparten auf Klimawandelanpassungen. U.a. wurden etwa konkrete Maßnahmen erarbeitet, die den Bäuerinnen und Bauern helfen sollen, ihre Betriebe resilienter zu machen. Moosbrugger: „Es handelt sich dabei etwa um verdunstungsreduzierende Maßnahmen, Direkt- und Mulchsaat, Humusaufbau, Auswahl von Kulturen, die mit höheren Temperaturen umgehen können, und vieles mehr. Auch das Saatgutwesen bis zu neuen Züchtungsmethoden und Bewässerungsmöglichkeiten gehören zu den wesentlichen Zukunftsthemen.“ Doch ohne finanzielle Mittel sind die nötigen Anpassungen und das Durchführen von ökologischen Maßnahmen für viele Ackerbauern nicht möglich. Moosbrugger: „Mehr Leistung für weniger Geld geht sich auf Dauer nicht aus. Wer daher im Agrarbereich kürzen möchte, wie aktuell von der EU-Kommission vorgeschlagen, der muss auch sagen, auf welche Leistungen er verzichten möchte.“
BETRIEBSKAPITAL. Seit der Ernte 2024 gibt es für Landwirt:innen, die bestimmte Kriterien erfüllen, mit dem rot-weiß-roten AMA-Gütesiegel für Getreide bzw. Ackerfrüchte eine Richtlinie, die nicht nur die österreichische Herkunft des Getreides garantiert, sondern auch sicherstellt bzw. sichtbarmacht, dass nach konkreten Anforderungen des österreichischen Agrarumweltprogrammes (ÖPUL) gearbeitet wird. Teilnehmende Ackerbaubetriebe müssen dabei auf ihren Flächen Ökologisierungsmaßnahmen, wie etwa Begrünungen, Zwischenfruchtanbau, Direktsaat oder Maßnahmen zum Erosionsschutz umsetzen. Das Ziel dabei ist, die Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt zu erhalten und gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit der Böden gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels zu stärken. Aktuell nehmen etwa 6.800 landwirtschaftliche Betriebe daran teil. Martin Greßl, Leiter Qualitätsstrategie und Wissensmanagement der AMA-Marketing: „Getreideanbau bedeutet für uns Ertrag und Ökologie zusammenzudenken. Der Boden sollte daher viel stärker als Betriebskapital verstanden werden – denn seine Qualität und Widerstandsfähigkeit sind entscheidend für die langfristige Produktivität eines landwirtschaftlichen Betriebs.“
MIT DABEI. Aber nicht nur für die Landwirt:innen ist eine gute Ernte entscheidend – auch Mühlen und Bäcker:innen haben natürlich ein reges Interesse daran Getreide in ausreichender Menge, guten Qualitäten und zu stabilen Preisen zu beziehen. Mühlenbetriebe wie GoodMills Österreich („Fini´s Feinstes“, „Farina“ etc.) setzen sich daher u.a. für eine erfolgreiche Etablierung des AMA-Gütesiegels ein und führen ihrerseits Produkte, die nach den Richtlinien zertifiziert sind. Peter Stallberger, GF GoodMills Österreich: „Für Bäuerinnen und Bauern bedeutet die Kennzeichnung keinen erheblichen Mehraufwand, da es auf bestehende Systeme wie z.B. ÖPUL aufbaut. Es geht darum die regionale Versorgungssicherheit zu bewahren und die Wertschöpfung in der Region zu behalten.“ Damit ist für Stallberger die Sache aber noch nicht erledigt: Nachdem die internen Nachhaltigkeitsziele bereits erreicht sind, setzt sich der GF der größten Mühlengruppe Österreichs intensiv dafür ein, dass auch die vorgelagerten Bereiche der Wertschöpfungskette (u.a. der Ackerbau) weitere Schritte für mehr Bodengesundheit, Diversität und Nachhaltigkeit setzen.
AUS GUTEM GRUND. Backgrundstoffhersteller wie backaldrin sehen zudem auch den Wert, den nachhaltig produzierte Rohstoffe für ihre Kund:innen haben. Um das eigene Engagement auch ausweisen zu können, lässt sich das Unternehmen seit mehreren Jahren von EcoVadis bewerten. Im Gesamtranking gehört das Unternehmen zu den Top 12% der bewerteten Unternehmen. Thomas Leitner, zuständig für das Zertifizierungs-Management und Nachhaltigkeit bei backaldrin: „Im Bereich Umwelt arbeiten wir nach dem Grundsatz: Ist etwas in ausreichender Menge und Qualität verfügbar, wird auch regional gekauft und auf heimische kleinstrukturierte Landwirtschaft zurückgegriffen. Das gelingt durch langfristige Partnerschaften mit Lieferanten und Betrieben und vorausschauendem Denken und Handeln bei der Beschaffung.“
INITIATIV. Es sind schließlich auch die Bäcker:innen selbst, die aktiv werden. Immerhin geht es um die langfristige Verfügbarkeit ihrer wichtigsten Rohstoffe. Viele Unternehmen arbeiten daher bereits eng mit ihren Lieferanten zusammen. Ölz z.B. hat Nachhaltigkeitsanforderungen systematisch in die Beschaffung eingebaut. Im Fokus steht dabei neben langfristigen Partnerschaften eine möglichst regionale Rohstoffbeschaffung. Doris Wendel, GF Human Resources, Marketing, Qualitätsmanagement und Nachhaltigkeit bei Ölz: „Unser Schwerpunkt liegt derzeit auf regionalen Rohstoffen und der schrittweisen Integration von Nachhaltigkeitskriterien in die Lieferkette.“ So findet beispielsweise ein aktiver Austausch mit Mühlen zu nachhaltigen Initiativen, wie regenerativer Landwirtschaft und Product Carbon Footprint, statt. Wendel: „Nachhaltigkeitsanforderungen werden zunehmend systematisch in die Lieferkette integriert. Bis 2027 wird eine strukturierte Nachhaltigkeitsbewertung der Lieferanten aufgebaut.“ Das wiederum fördert aktiv eine ökologische Transformation der Landwirtschaft.
FAIRE PARTNER. Langfristige und faire Partnerschaften stehen auch bei Haubis im Zentrum, wenn es um die Beschaffung von Rohstoffen geht. Ein Beispiel sind regionale Sonderkulturen wie Leinsamen, Kürbiskerne oder Mohn. Gemeinsam mit den Landwirt:innen wird Bedarf, Menge und Qualität möglichst frühzeitig geplant, um für beide Seiten Sicherheit zu schaffen. Anton Haubenberger, GF Haubis: „Unser Ziel ist es, gemeinsam mit den Landwirt:innen vorauszudenken. Das gibt den Landwirt:innen mehr Planungssicherheit und Haubis eine verlässliche, regionale Rohstoffversorgung – eine Partnerschaft, von der beide Seiten profitieren.“ Haubis unterstützt zudem bei Themen wie Bodengesundheit und ist ein klarer Befürworter einer modernen und innovativen Landwirtschaft. Haubenberger: „Wir sind überzeugt, dass wir uns nur gemeinsam weiterentwickeln können: Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion müssen voneinander lernen, neue Ideen ausprobieren und gemeinsam Lösungen für die Zukunft entwickeln.“
AUSPROBIEREN. Innovative Lösungen für die Zukunft hat auch Kuchen-Peter im Blick. Aktuell wurde zum Beispiel ein kooperatives Forschungsprojekt (CLIC) zum Einsatz von
Sorghum abgeschlossen, das die Bäckerei aktiv im Bereich Verarbeitung begleitete. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Sorghum, eine besonders trockenheitstolerante Körnerfrucht, als alternative Getreideart für weizenbasierte Lebensmittel genutzt werden kann. Edwin Tomanek, Vertriebs- und Marketingleiter Kuchen-Peter: „Für uns ist das vor allem mit Blick auf die Zukunft der Rohstoffversorgung relevant. Weizen könnte künftig nicht mehr in der gewohnten Menge und zu stabilen Preisen verfügbar sein. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig alternative Rohstoffe zu erforschen und deren Einsatz in der Praxis zu testen.“
FAZIT. Neben agrarpolitischen Maßnahmen sind es insbesondere die Weiterverarbeiter, die auf einer partnerschaftlichen Ebene Einfluss darauf nehmen können, dass ihr wichtigster Rohstoff klimaresilient angebaut wird und auch weiterhin zur Verfügung steht – ein Schulterschluss, der wohl in Zukunft immer wichtiger werden wird.