Von Wünschen und Wirklichkeiten

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Für unser launisch formuliertes Heftthema „Tierisch – Produkte & das liebe Vieh“ haben wir uns intensiv in der Branche umgehört und Stimmen zu Status Quo und Zielen bei der Nutztierhaltung eingeholt. Eines wird bei diesem Stimmungs-Mosaik recht deutlich: Die Landwirtschaft kann einen Wandel nur stemmen, wenn Politik, Handel und die Konsument:innen diesen auch wertschätzen – und zwar nicht nur theoretisch und moralisch, sondern real – also finanziell.

Kategorie: Sonstiges

VIER PFOTEN

„Österreich betont gerne, in Sachen Tierwohl höhere Standards als andere Länder zu haben. Leider stimmt das nur teilweise. Gerade in der Schweinehaltung sind wir um keinen Deut besser als andere EU-Staaten. Nach wie vor stehen zwei Drittel der österreichischen Schweine auf tierquälerischen Vollspaltenböden – und von einem Verbot dieser Böden kann, auch wenn es die Regierung vor kurzem vollmundig angekündigt hat, in absehbarer Zeit leider absolut nicht die Rede sein. Natürlich geht es Schweinen – und generell den Tieren – in der Biohaltung besser, aber es leben gerade einmal 4% von ihnen hierzulande auf biologisch geführten Höfen. Wir Österreicher:innen essen generell viel zu viel Fleisch, nämlich fast doppelt so viel wie der weltweite Durchschnitt. Der übermäßige Fleischkonsum erfordert eine Massenproduktion, die nicht nur Tierleid bedeutet, sondern auch die Grenzen unseres Planeten durch die unglaubliche Ressourcenverschwendung, den hohen CO2-Ausstoß und den Abbau des Regenwaldes für Futtermittel-Anbauflächen eindeutig überschreitet.”


AMA-MARKETING

„Fleisch, Milch und Eier liegen bei den Österreicherinnen und Österreichern im Trend: Lebensmittel tierischer Herkunft sind ein wesentlicher Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung und gehören zur Tradition unseres Landes. Für uns steht dabei im Mittelpunkt, dass Konsument:innen sich auf nachvollziehbare Herkunft, geprüfte Qualität und unabhängige Kontrollen verlassen können. Geänderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen begegnen wir in unseren AMA-Gütesiegel-Qualitätsprogrammen durch eine transparente Kommunikation, die Vertrauen schafft. Ob Steak oder Speck, Joghurt oder Käse, Spiegelei oder Omelette: Tierische Lebensmittel haben Zukunft, wenn Haltung, Fütterung und Verarbeitung nachhaltig, nachvollziehbar und nach transparenten Qualitätsstandards erfolgen. Die Partner:innen in unserer Qualitätsgemeinschaft, von der Landwirtschaft über die Verarbeitung bis zum Handel, garantieren dafür – das rot-weiß-rote AMA-Gütesiegel zeichnet sie aus.“


REWE

„Frischfleisch ist bei Billa und Billa Plus zu 100% aus Österreich, dazu zählt auch Putenfleisch, welches wir als einziger Lebensmittelhändler in Österreich in dieser Form anbieten. Der Anteil an Tierwohl-Produkten wächst und das Angebot soll noch dieses Jahr weiter ausgebaut werden. Derzeit haben wir bereits einen Anteil von über 50% bei Tierwohl-Fleisch.

Auch bei verarbeiteter Ware ist Tierwohl immer stärker vertreten. Wir arbeiten stetig daran, das Tierwohl-Sortiment auch bei Wurstwaren auszubauen. Wenn die Verfügbarkeit es zulässt, auch bei Bio.“


VEREIN NTÖ

„Wir schauen uns derzeit an, wie eine Haltungsformkennzeichnung entlang der gesamten Wertschöpfungskette umsetzbar wäre. Unser Ziel in diesem laufenden Prozess ist es, die Auslobung der Haltungsform und der Herkunft zu kombinieren, Transparenz zu schaffen und keine Parallelsysteme zu etablieren. Weiters ist es wichtig, dass ein mögliches System praxistauglich umsetzbar ist und in späterer Folge auch für verarbeitete Produkte sowie die Gastronomie Verwendung findet.

Wichtig ist: Es sollen Kosten vermieden werden, denn die Landwirtschaft hat längst den Plafond erreicht, mehr finanzielle Belastungen sind nicht mehr möglich. Daher ist es auch sinnvoll, etablierte Siegel, wie das AMA-Gütesiegel, zu nutzen bzw. sollen diese klar eingeordnet werden können.

Der Markt muss insgesamt dahin verändert werden, dass Wunsch und Wirklichkeit in Sachen Nutztierhaltung zusammengehen. Da können wir schon alle gemeinsam Schritte setzen. Es braucht aber insbesondere das Verständnis der Konsument:innen. Eine Weiterentwicklung der Betriebe ist dann möglich, wenn diese abgegolten werden, um auch Zukunftsperspektiven für kommende Generationen zu schaffen. Es muss daher dringend eine verlässliche Entscheidungsgrundlage her – und am Ende des Tages sollen die Produkte einfach was wert sein und das Verständnis für diesen Wert muss da sein.

Zusammenfassend braucht es ein praxistaugliches System entlang der gesamten Wertschöpfungskette mit Zukunftsperspektiven für unsere Bäuer:innen. Für Konsument:innen liegt der Fokus auf einer transparenten Auslobung mit klarer Erkennbarkeit im Regal.“


LANDWIRTSCHAFTSKAMMER

„Agrarbetriebe werden weltweit weniger, dafür größer werden – teilweise auf Technik, Fachwissen und Effizienz zurückzuführen. Andererseits sind die Margen gering, Standards und Herausforderungen hingegen enorm. Auch Tierseuchen kosten bäuerliche Existenzen und Versorgungssicherheit. Dennoch bleibt der bäuerliche Familienbetrieb das Zukunftsmodell.

Das Zusammenspiel aus massiv gestiegener Bürokratie und zunehmenden Produktionsauflagen bedeutet im harten internationalen Wettbewerb Kosten und Stress, die in keiner Relation zu den Erlösen stehen. Außerdem prallt eine hohe Arbeitsbelastung auf mangelnde Wertschätzung. Es muss unser gemeinsames Ziel sein, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, um die bäuerliche Jugend wieder zu Hofübernahme und Investment zu motivieren.

Zusammenfassend: weniger Bürokratie, weniger Golden Plating und somit mehr Wettbewerbsfairness, weiterhin eine starke EU-Agrarpolitik samt entsprechender Abgeltung diverser Leistungen für die Gesellschaft, die durch den Produktpreis nicht abgedeckt sind, und eine verbesserte Kennzeichnung von Qualität und Herkunft. Der Erfolg wird auf den Märkten bestimmt, deswegen müssen Weiterentwicklungen marktangepasst erfolgen. Wenn alle Konsument:innen, die in Umfragen Tierwohl fordern, dazu greifen und es bezahlen würden, hätten wir schon gewonnen. Die Realität ist aber zumindest noch eine andere.“