PRODUKT: Herr Royer, wie bewerten Sie die aktuelle Situation in der Landwirtschaft?
Royer: Wir kommen aus Jahren der Überproduktion. Im vergangenen Jahr mussten zum Beispiel noch tausende Tonnen Kartoffeln in Biogasanlagen entsorgt werden, heuer ist hingegen viel zu wenig Ware vorhanden. Die Landwirtschaft bekommt den Klimawandel deutlich zu spüren. Aktuell ist die Trockenheit das prägende Thema. Besonders betroffen ist der Bereich von Ober- und Niederösterreich bis ins Burgenland sowie Teile der Südoststeiermark. Milchviehbetrieben fehlt teilweise Heu und damit eine wichtige Futtergrundlage, wodurch die Futterpreise extrem steigen. Beim Getreide verzeichnen wir einen Produktionsrückgang von gut 30%, bei Kartoffeln wird laut Brancheninformationen vielerorts mit noch größeren Einbußen gerechnet. Grundsätzlich hat die heimische Landwirtschaft derzeit trotz dieser Herausforderungen gute Voraussetzungen: Regionalität ist in der Bevölkerung stark verankert, die Menschen stehen zu Österreich. Und ja, Österreich gibt es nicht zum billigsten Preis – das geht sich mit unseren hohen Produktionsstandards nicht aus. Man muss aber trotzdem aufpassen, dass der Preisunterschied zu anderen Ländern nicht zu groß wird und die Konsument:innen deshalb zur günstigeren Ware aus dem Ausland greifen.
PRODUKT: Welche Maßnahmen müssen getroffen werden, damit Betriebe auch wirtschaftlich bestehen können?
Royer: Die Lösung kann meines Erachtens nur darin liegen, mehr Reserven aufzubauen. Vor allem bei der Futtergrundlage müssen wir meiner Meinung nach wieder stärker auf Vorratshaltung setzen. Als ich den Hof übernommen habe, hat mein Vater immer gesagt: „Du musst mindestens ein Drittel deiner Futtergrundlage als Reserve haben, weil du nie weißt, was im kommenden Sommer passiert.“ Heutzutage kenne ich persönlich nur wenige Betriebe, bei denen das der Fall ist, weil jeder Vollgas gibt. Auch beim Boden zeigt sich heuer, wie wichtig Widerstandsfähigkeit ist. Biobetriebe sind in vielen Bereichen resilienter, weil ihre Böden widerstandsfähiger sind.
PRODUKT: Warum sollen heimische Lebensmittel beim Einkauf bevorzugt werden?
Royer: Der wichtigste Punkt ist die Versorgungssicherheit: Wenn wir in guten Zeiten nicht zu österreichischen Produkten greifen, werden uns in der Krise keine heimischen Lebensmittel zur Verfügung stehen. Wir leben in einer Zeit, in der Transportwege – wie die jüngste Vergangenheit gezeigt hat – relativ schnell zum Erliegen kommen können. Umso wichtiger ist es, dass sich auch die heimische Gastronomie zu österreichischen Lebensmitteln bekennt. Hinzu kommt, dass Gäste, die in Österreich Urlaub machen, auch Lebensmittel aus der jeweiligen Region erwarten. Und schließlich geht es um unsere Kulturlandschaft: Der gesamte Alpenbereich existiert in dieser Form nur, weil wir zum Beispiel die Rinderhaltung haben. Das Weidevieh hält die Flächen offen und sorgt dafür, dass diese nicht verbuschen. Wiederkäuer haben außerdem durch ihren speziellen Verdauungstrakt die Fähigkeit, das Gras der Grünland-Flächen in hochwertige Lebensmittel wie Milch und Fleisch umzuwandeln. Bricht diese Form der Landwirtschaft weg, können wir das Grünland nicht nutzen. In diesen Regionen könnte dann auch der Tourismus, wie wir ihn bei uns kennen, nicht mehr stattfinden. Indem die Gastronomie unsere Bäuerinnen und Bauern und damit auch den Tourismus unterstützt, sichert sie sich ihre eigene Lebensgrundlage. Diese Zusammenhänge haben wir in unserem Report „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“, der auf unserer Website frei verfügbar ist, ausführlich aufgearbeitet.
PRODUKT: Wie kann man das heimische Angebot für sich umsatzwirksam nutzen?
Royer: Indem Sie die Herkunft der Lebensmittel klar kennzeichnen, transparent machen und aktiv kommunizieren – auf der Speisekarte und auf der Website. Es bringt relativ wenig, auf österreichische Lebensmittel zu setzen und es den Gästen nicht zu sagen. Oft ist auf Speisekarten kein Hinweis auf die Herkunft zu finden, und erst auf Nachfrage stellt sich heraus, dass fast ausschließlich österreichische Lebensmittel verwendet werden. Wenn Gastronomen und Gastronominnen die Macht der Kommunikation nutzen, wird es sich auch im Geldbörserl bezahlt machen.